Verschenkt Euch selbst!

Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr wird wieder geworben auf Teufel komm raus, für Geschenke, Weihnachtsschmuck Bitcoin-Hebelhandel Schweiz und Festessen. Oft ist die Werbung gut gemacht, einladend oder auch nervig. Hauptsache sie bekommt Aufmerksamkeit. Aber über eine Werbung habe ich mich so richtig geärgert. So geärgert, dass ich merkte: Da muss was zu gesagt werden! – Von Dirk Heckmann

Geschenke

In dem Werbespot sieht man einen Mann, der sich überlegt zu Weihnachten seinem Kind ein selbstgebautes Boot zu schenken. Er studiert Baupläne, klebt und werkt und stellt sich dabei so dämlich an, dass man zwangsläufig denkt: „Hoffentlich verschenkt Bitcoin-Handelsplattform mit Hebelwirkung er das nicht!“ Dann sieht man wie der Junge unterm Weihnachtsbaum das Geschenk auspackt – und ist erleichtert, weil es eine Spielekonsole ist.

Sicher ist das werbewirksam, aber der Spot hat eine so fatale Wirkung:

Aus psychologischer Sicht zerstört er die Eigeninitiative von Vätern, aus pädagogischer Perspektive torpediert er die Beziehung zwischen Vätern und Kindern und aus theologischer Perspektive reduziert er Weihnachten auf ein Konsumfest.

Also: Verschenkt euch selbst! Werdet aktiv, Bitcoin-Hebel-Handelsplattform verschenkt gute gemeinsame Erlebnisse, die eure Beziehung stärken, verschenkt eure Zeit an die Kinder!
Es ist sowohl das Ergebnis neuerer Studien wie das Gefühl aus dem Bauch heraus: Die gute, herausfordernde und Sicherheit gebende Beziehung zum Vater und zur Mutter ist für die Entwicklung der Kinder zentral. Und dann schadet es auch nicht, eine Spielekonsole zu verschenken.

Dirk Heckmann

 

Dirk Heckmann ist Männerpfarrer im Ev. Kirchenkreis Unna

Kirchliche Bestattung – trotz Kirchenaustritt?

Jeder Mensch hat das Recht, seine Mitgliedschaft in der Kirche aufzukündigen, ohne seine Gründe dafür bekannt zu geben. Religionsfreiheit ist eines der Grundrechte, um das lange gerungen wurde. Dazu gehört auch die sogenannte negative Religionsfreiheit, das Recht, keiner Konfession anzugehören. Dass es in Glaubenssachen keinen Zwang geben kann, ist eine der Grundeinsichten evangelischen Glaubens! „Sine vi sed verbo“ „Ohne Gewalt, allein durch die Überzeugungskraft des Wortes“ hieß es in der Reformation. Und das gilt heute mehr denn je! – Von Dr. Albrecht Philipps bestattung_800Wer aus der Kirche austritt, gibt damit zu erkennen, dass er mit der Gemeinschaft in der Kirche und ihren Vollzügen nichts mehr zu tun haben möchte. Es kann daher grundsätzlich nicht sein, dass jemand, der zu Lebzeiten aus der Kirche ausgetreten ist, dann – möglicherweise gegen seinen Willen – kirchlich bestattet wird. Der Wunsch des Verstorbenen ist zu respektieren. Für die Angehörigen ist das sehr schwer, wenn diese eine seelsorgliche Begleitung und Bestattung mit Gebet und Segen wünschen. Hier ist aber der Wille des Verstorbenen bindend. Auch für einen Sterbenden ist es noch möglich, eine Änderung der Einstellung zum Glauben deutlich zu machen und den Wunsch einer kirchlichen Bestattung zu äußern. Dazu reicht ein Gespräch mit einem Seelsorger oder mit einer Seelsorgerin.

Schwierig wird es aber dann, wenn kirchlich gebundene Angehörigen eines Ausgetretenen – oft wissen sie gar nicht, dass der Verstorbene nicht mehr in der Kirche war – eine kirchliche Bestattung unbedingt wünschen. Grundsätzlich ist auch dann eine kirchliche Bestattung nicht möglich. Pastorales und seelsorgliches Einfühlungsvermögen sind nötig. Ausnahmen im begründeten Einzelfall sind nach unserer Kirchenordnung nur zulässig, wenn es aus seelsorglichen Gründen angezeigt erscheint.

Aus kirchlicher Sicht ist die Verweigerung eines Begräbnisses keine Aussage über das Seelenheil des Toten. Das muss jeder Mensch mit seinem Schöpfer selbst ausmachen. Für alle Beteiligten ist es jedoch einfacher, wenn schon zu Lebzeiten dazu eine klare Vorstellung herrscht und diese den Angehörigen auch mitgeteilt wird.

Dr. Albrecht PhilippsDr. Albrecht Philipps
ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Ochtrup-Metelen
www.evangelisch-in-ochtrup.de

Teller oder Tank – wohin mit den nachwachsenden Rohstoffen?

Meine Autowerkstatt sagt, Bio-Sprit E10 sei kein Problem für mein betagtes Auto.
Also: E10 in den Tank, Geld sparen und dabei noch etwas für die Umwelt tun. So macht Energiewende Spaß! Jeder Schritt weg von fossilen Brennstoffen und hin zu nachwachsenden Rohstoffen ist gut, oder? – Von Volker Rotthauwe

Benzintank mit Raps

„So einfach ist das nicht“, sind sich die Umweltverbände und Entwicklungshilfeorganisationen einig.

Bio-Sprit verschärft in ihren Augen das Klimaproblem, den Welthunger und den Artenverlust in der Tier-und Pflanzenwelt. Er ist nicht nur sehr aufwendig und mit einer schlechten Klimabilanz zu produzieren, sondern verdrängt auch noch Ackerflächen für die Nahrungsmittelherstellung, fördert genmanipulierte Monokulturen und provoziert so Landflucht und Armut in den Anbauländern des Südens. In der Folge steigen die Lebensmittelpreise mit fatalen Konsequenzen für die jetzt schon 925 Millionen hungernden Menschen auf der Welt.

Nutzen von Bio-Sprit?

Auch wenn zukünftig mehr „E10“ aus einheimischen Pflanzenresten, Gräsern und Algen hergestellt werden sollte, bleibt der Nutzen des „Bio-Sprits“ für die Einsparung von Treibhausgasen zu gering.

Die Einführung eines Tempolimit auf 120km/h und die verpflichtende Einführung von Leichtlaufrädern und Leichtlaufölen würden beispielsweise mit 6,8 % CO2-Einsparung fast doppelt so viel einsparen wie E10.

Die Energiewende im Verkehrsbereich wird nur gelingen, wenn sich die autozentrierte Verkehrspolitik ebenso ändert wie unser privates Nutzungsverhalten.

Und da ist auch in unserer Kirche noch viel Luft nach oben!

“Warum gibt es keine Förderung von Spritspartrainings für Mitarbeitende in Kirche und Diakonie?”

Was wäre, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer die Anzahl der Hausbesuche mit dem Fahrrad deutlich steigern würden und der Kirchenkreis zinslose Kredite für E-Bikes zur Verfügung stellt, damit man auch bei Entfernungen von über 5 Kilometern nicht verschwitzt ankommt?
Die rege Sitzungstätigkeit unserer Kirche könnte durch Telefon- und Skype-Konferenzen reduziert und bei Großveranstaltungen die zahlreichen Internet-Mitfahrportale intensiver genutzt werden.

Warum sind die diakonischen Träger mit ihren teils großen Fahrzeugflotten nicht Vorreiter der E-Mobilität in Deutschland und warum gibt es keine Förderung von Spritspartrainings für Mitarbeitende in Kirche und Diakonie?

Was tun?

Und was mache ich nun an der Tankstelle? Mein Vorschlag: E 10 tanken, Geld sparen und einmal jährlich das Gesparte der Klimakollekte überweisen (www.klima-kollekte.de).
So kann ich sicher sein, wirklich einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz geleistet zu haben. Und natürlich: Die eigenen Mobilitätsgewohnheiten überdenken und ändern!

Weitere Informationen und Unterstützung: www.kircheundgesellschaft.de.

Volker RotthauweVolker Rotthauwe ist theologischer Referent des Instituts für Kirche und Gesellschaft der EKvW für Nachhaltige Entwicklung und für Fragen der Kirche im ländlichen Raum

“Egg freezing” – erst Karriere, dann Kind?

In den alten Bundesländern ist laut statistischem Bundesamt jede dritte Akademikerin ab 45 Jahren kinderlos. „Social egg freezing“, das Einfrieren von Eizellen in möglichst jungen Jahren, soll es Frauen ermöglichen, nach der so genannten „rush hour of life“ noch schwanger zu werden. – Von Diana Klöpper

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Jetzt oder lieber später?

Die Firmen Facebook und Apple machen gerade Schlagzeilen, weil sie ihren Mitarbeiterinnen angeboten haben, die Kosten für das „egg freezing“ zu übernehmen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass es sich hierbei nicht um das einzige Angebot an Familien durch die beiden Unternehmen handelt.

Ist „egg freezing“ eine familienfreundliche Maßnahme? Ich finde nicht!

„Social egg freezing“ passt in den Trend, dass sich der Mensch den Bedingungen der Arbeitswelt anpassen muss und nicht die Arbeitswelt den Bedürfnissen der Menschen.
Die Hauptvorlage ‚Familien heute’ der Evangelischen Kirche von Westfalen beschreibt diesen Trend in ihrem ersten Teil.
Von denen, die erwerbstätig sind, wird ein hohes Maß an Flexibilität erwartet. Jetzt auch maximale Flexibilität wenn es darum geht, wann Frauen Mütter werden?

Nicht nur ein Frauenproblem

Anstatt Frauen nahezulegen, erstmal Karriere zu machen und dann Kinder zu kriegen, wünsche ich mir, dass Frauen und auch Männer ermutigt werden, Karriere und Kinder zu verbinden. Das gelingt aber nur, wenn diese Frage nicht allein als Frauenproblem oder individuelles Problem einer Familie gesehen wird, sondern als gesellschaftliche Herausforderung.

Eltern brauchen die Sicherheit, dass das Leben mit Kindern für sie nicht in unkalkulierbare wirtschaftliche Risiken führt.
Kinder bedeuten auch bei uns immer noch ein Armutsrisiko. Wenn ein Elternteil – aus welchen Gründen auch immer – alleinerziehend wird, ist es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf schnell vorbei.

Auf den Satz ‚Ich bin schwanger’ dürfen Vorgesetzte nicht mit Entsetzen reagieren.

Vor allem wünsche ich mir aber eine Veränderung in unserem gesellschaftlichen Familienbewusstsein: Auf den Satz ‚Ich bin schwanger’ dürfen Vorgesetzte nicht mit Entsetzen reagieren. Sie sollten sich freuen können, weil sie in ihrer Personalplanung längst bedacht haben, wie es in einem solchen Fall weitergeht. Genau das gleiche muss passieren, wenn ein Vater ankündigt, Elternzeit nehmen zu wollen.

Arbeitgeber_innen und Arbeitnehmer_innen sollten gemeinsam kreativ werden und Modelle entwickeln, die es Müttern ermöglichen Karriere zu machen.
Vor allem sollte Mehrarbeit nicht mehr die Grundvoraussetzung dafür sein, auf der Karriereleiter nach oben zu kommen.
Auf Spiegel Online ist von den ‚Höchstleisterinnen’ die Rede, die zwölf Stunden am Tag arbeiten. Keine Zeit für Dates – kein Partner – kein potentieller Kindsvater. Erwerbstätige Mütter und Väter arbeiten meist auch mindestens 12 Stunden am Tag – einen großen Teil davon allerdings unbezahlt…

Instrument der Familienplanung?

Bleibt die Frage, ob Frauen das Recht haben sollten frei zu entscheiden, wann sie schwanger werden wollen und ob dieser Zeitpunkt gegebenenfalls durch das Einfrieren von Eizellen künstlich nach hinten im Leben verschoben werden darf.

Ich finde, das kann keine Lösung sein.
Das Einfrieren von Eizellen kann in medizinisch begründeten Einzelfällen für Frauen mit Kinderwunsch eine geeignete Maßnahme sein. Es taugt aber nicht als selbstverständliches technisches Instrument der Familienplanung.

Leben ist nicht bis ins Letzte planbar. Methoden wie „egg freezing“ gaukeln uns das nur vor.

Elternwerden, Mutterwerden bedeutet eine totale Veränderung im Leben und die Entscheidung für ein Leben mit Kindern birgt immer Risiken in sich. Leben ist nicht bis ins Letzte planbar. Methoden wie „egg freezing“ gaukeln uns das nur vor.

Passt es gerade?!

Wir können uns als Gesellschaft dafür entscheiden, dass es kein wirtschaftliches Risiko mehr bedeutet, Kinder zu haben.
Ich wünsche mir, dass Frauen – gerade die Frauen zwischen 25 und 40 – nicht länger darüber nachdenken müssen, ob es denn jetzt wohl gerade beruflich passt, schwanger zu werden.
Es ist unsere Pflicht als Gesellschaft, Frauen Erwerbstätigkeit und Familie zu ermöglichen. Damit die Botschaft, dass eine Mitarbeiterin schwanger ist oder ein Mitarbeiter Elternzeit nehmen muss, mit einem strahlenden „Wie schön!“ beantwortet wird.

Diana KlöpperDiana Klöpper ist Theologische Referentin im Frauenreferat im Institut für Kirche und Gesellschaft und Frauenbeauftragte der EKvW

Organspende aus christlicher Nächstenliebe

Ob der Zustand, in dem sich hirntote Menschen befinden, eher dem Leben oder eher dem Tod zuzurechnen ist, bleibt umstritten. Daher muss es dem einzelnen Menschen überlassen werden, ob er es mit seiner eigenen Würde als vereinbar betrachtet, als hirntoter Organspender zu fungieren. – Von Lars Klinnert

Foto: iStockphoto.com/BeyzaSultanDURNA

Foto: iStockphoto.com/BeyzaSultanDURNA

Diese Entscheidung kann nur in einer sorgfältigen Güterabwägung zwischen berechtigten eigenen Interessen und der Hilfsbedürftigkeit anderer erfolgen.

Zwei Anliegen sind vielen Menschen aus nachvollziehbaren Gründen wichtig: Zum einen wünschen sie, das eigene Leben in einem friedlichen Prozess zu beenden; zum anderen fordern sie, auch aus Rücksicht auf die trauernden Angehörigen, einen würdigen Umgang mit dem noch lebendig erscheinenden Körper ein. Allerdings brauchen Christinnen und Christen an gelingendes Leben und gelingendes Sterben keinen überzogenen Integritätsanspruch zu stellen, weil sie darauf vertrauen können, dass Gott allein für ihr Heil sorgt. Dass an der Unversehrtheit des Leichnams nicht die biblische Auferstehungshoffnung hängt, ist ohnehin klar.

“…erscheint es mir nicht nur möglich, sondern vielmehr geboten, sie gegebenenfalls an einem höchstpersönlichen Besitz teilhaben zu lassen, der mir selber keinerlei Nutzen mehr bringt.”

Somit gibt es zwar einerseits keinen rechtlichen und moralischen Anspruch auch noch so kranker Patienten auf fremde Organe. (Es würde sich dann übrigens auch nicht mehr um eine echte Spende handeln). Anderseits gehen die mit der postmortalen Organspende verbundenen Belastungen für gläubige Menschen – zumindest sofern sie den irreversiblen Hirnausfall als ihr eigenes Lebensende anerkennen können – nicht über das zumutbare Maß hinaus.

Ganz persönlich sehe ich daher in der Bereitschaft zur Organspende einen selbstverständlichen Akt christlicher Nächstenliebe. Weil ich angesichts der Bedürftigkeit und Gefährdetheit meines eigenen Lebens fähig bin, mich in schwerkranke Menschen mit ihrem Angewiesensein auf eine Organtransplantation hineinzuversetzen, erscheint es mir nicht nur möglich, sondern vielmehr geboten, sie gegebenenfalls an einem höchstpersönlichen Besitz teilhaben zu lassen, der mir selber keinerlei Nutzen mehr bringt.

Prof. Dr. Lars Klinnert Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe

Prof. Dr. Lars Klinnert
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Lehrgebiet Ethik am Fachbereich Soziale Arbeit

Lebensmittel Wasser!

Durch TiSA droht Wasserprivatisierung!

30 Grad im Schatten, die Luft flimmert in den Straßen, Sommer liegt über der Stadt. Da bewirkt ein Glas kühles Wasser Wunder. Kein Wunder ist es, dass aus unseren Wasserleitungen gutes Trinkwasser fließt, das sich jede und jeder leisten kann. In Deutschland braucht sich niemand – dank kommunaler Daseinsvorsorge – um Trinkwasser zu sorgen. Sorgen hingegen macht ein Abkommen, das derzeit verhandelt wird. Es gefährdet die öffentliche Wasserversorgung, und damit das Gemeinschaftsgut „Trinkwasser“. – Von Klaus Breyer

Wasser als Wirtschaftsgut? Foto: iStockphoto.com /Wasser: Irochka, Hände: BrianAJackson

Weil Wasser so elementar ist für das Leben, war es praktisch nie ein Wirtschafts- sondern fast immer ein Gemeinschaftsgut. Brunnen wurden gemeinsam gegraben, in Brunnengemeinschaften wurde sauberes Wassers gemeinsam genutzt.

Doch weil Wasser so wertvoll und unersetzbar ist, wird immer wieder versucht Kapital aus seiner Knappheit zu schlagen.

Und diese Gefahr besteht derzeit wieder. Obwohl viele Bürgerinnen und Bürger in der EU und anderen Ländern seit Jahren gegen Wasserprivatisierungen protestieren, versuchen politische Entscheidungsträger diesen Bürgerwillen zu missachten.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Derzeit wird in geheimen Verhandlungen an einem Abkommen gefeilt, das u. a. auch auf eine Wasserprivatisierung großen Stils hinausläuft. Dabei ist nicht von TTIP (dem Freihandelsabkommen zwischen USA und EU) die Rede, sondern von TiSA.

Nur wenig von der Öffentlichkeit beachtet, wird das Abkommen TiSA, „Trade in Services Agreement“ („Abkommen zum Handel mit Dienstleistungen“) zwischen den USA, den EU-Mitgliedsstaaten und 22 weiteren Staaten (z. B. Kanada, Mexiko, Japan, Israel, Schweiz, Türkei, Kolumbien) verhandelt. Diese 50 Staaten umfassen etwa zwei Drittel des weltweiten Handels mit Dienstleistungen: Ein Großprojekt also, das den Weltmarkt für Dienstleistungen umkrempeln soll.

Dabei wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit nicht nur eine weitere Deregulierung der Wasserversorgung angestrebt, sondern auch der Energieversorgung, des Finanz-, Gesundheits- und Bildungswesen. Ja, auch für die Finanzmärkte ist eine Liberalisierungsagenda vorgesehen. Man kann es kaum glauben, angesichts der Folgen der Finanzkrise. Der Sparkassenverband sorgt sich, dass Sparkassen aufgekauft werden könnten.

Öffentlicher Druck ist notwendig

In dem TiSA-Abkommen soll auch eine sogenannte „Stillstands-Klausel” verankert werden, d. h. dass einmal durchgeführte Privatisierungen nicht wieder rückgängig gemacht werden dürfen, egal welche Regierung gewählt wurde und was Gerichte entscheiden.
Und nicht nur die Verhandlungen sind geheim. Die Inhalte des Abkommens sollen nach Inkrafttreten für weitere 5 Jahre geheim bleiben.

Öffentlicher Druck ist notwendig, damit diese Privatisierung öffentlicher Güter verhindert wird. Im Wassersektor, wie in anderen Bereichen unserer Gemeinwesen gilt es, den Ausverkauf unserer Lebensgrundlagen zu stoppen und ihre Privatisierung und Kommerzialisierung zu verhindern. Wasser ist ein Element des Lebens; ein Lebensmittel, ein Mittel zum Leben, das nicht Rendite-Interessen unterworfen werden darf.

Jeder Wassertropfen, jeder lebendige Fluss, Regen, Schnee, das Wasser, das wir trinken, erzählt uns von der Reinheit, Klarheit und unbeschreiblichen Schönheit des Lebens. Und darin begegnet uns Gott.

Klaus BreyerPfarrer Klaus Breyer ist Institutsleiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen
www.kircheundgesellschaft.de

 

 

Zum Weiterlesen:

Sommerfreude?!

Bild: iStockphoto.com/ ia_64 und monkeybusinessimages; Montage EKvW

Noch ein paar Tage Schule, dann endlich sind Ferien. Anna, Tom, Katharina und Paul tollen auf dem Schulhof herum. Voller Vorfreude auf sechs lange Wochen der Freiheit.

„Wir fahren nach Spanien. Da scheint immer die Sonne.“ ruft Anna. „Und wir nach Österreich. Wenn man oben auf den Bergen steht, hat man einen Blick fast über die ganze Welt.“, antwortet Paul. „In Italien schmecken die Spaghetti noch besser als bei uns“, meint Katharina fachkundig.

Anna, Katharina und Paul gehören zu den ca. 75 % aller Deutschen, die im Jahr 2014 eine Reise machen werden. Pro Person wird dafür im Schnitt ca. 1.100 Euro ausgeben.

Tom hat sich seinen Fußball genommen und von der Gruppe entfernt. Er schießt gegen die Schulwand. Immer wieder. Zu sagen hat er zu dem Thema der anderen nichts. Er wird zu Hause bleiben. Und ihm graust schon vor der Frage des Lehrers gleich in der Klassenrunde: „Wohin fahrt ihr denn in diesem Jahr?“

Tom fühlt sich allein…

Denn was er nicht erzählen möchte ist, dass seine Mutter weit davon entfernt ist mit ihm und seiner kleinen Schwester eine Urlaubsreise zu unternehmen. Sie zerbricht sich gerade den Kopf darüber, woher sie die 18 Euro für das Ferienspielangebot der Stadt nehmen soll, zu dem sie Tom so gerne schicken möchte, damit auch er ein wenig Abwechslung in den Ferien hat.

Tom fühlt sich allein; dabei ist er es auf dramatische Weise gar nicht. Er teilt seine Probleme mit 3 Millionen Kindern in Deutschland, die in von Armut betroffenen Familien leben.

Ich kenne Kinder wie ihn und jedes Jahr zur Urlaubszeit geht mir ihre Situation wieder ans Herz.
Eine biblische Weisheit besagt: „Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben.“ (Spr. 12,28) Vielleicht gilt das ja auch für den Weg in den Urlaub. Und vielleicht ist das auch nicht nur Sache des Staates, sondern die Aufgabe von uns allen, einer Gesellschaft, mindestens aber der Christenmenschen. Wir könnten Kindern wie Tom auf ganz unkonventionelle Weise zur Sommerfreude verhelfen. Was sind für viele von uns schon 18 Euro? Möglichkeiten bieten sich viele, wenn wir mal in unserem Umfeld suchen, in der Schule unserer Kinder, der Stadt, in der wir leben. Warum sollte nicht z. B. neben einer CO2-Abgabe für Flugreisen auch eine freiwillige Abgabe möglich sein, mit der wir Kindern aus Armutsfamilien die Teilnahme an Ferienmaßnahmen erleichtern?

Wer einem Kind wie Tom in die Augen sieht, dem kommen einige Ideen. Uns auch?

Kathrin Neuhaus-Dechow. Foto: Joachim Hatkemper

Foto: Joachim Hatkemper

Pfarrerin Kathrin Neuhaus-Dechow ist Öffentlichkeitsreferentin des Ev. Kirchenkreises Münster

Jung und engagiert?

Jung und engagiert? Das ist kein Gegensatzpaar!
Passt gut zusammen und ist etwas, was wir in der Evangelischen Kinder- und Jugendarbeit zusammenbringen. – Von Sebastian Richter.

Sei kein Schaf!

Sei kein Schaf! Foto: Ev. Jugend Frömern

Neulich kommt ein Journalist zu mir. Ob wir denn überhaupt noch ehrenamtliche Jugendliche hätten. Das wäre doch alles gar nicht mehr möglich. Heutzutage. Allein schon wegen G8 und so.

Ich habe ihm von über 30 Jugendlichen erzählt, die wöchentlich eine Gruppe oder ein Offenes Angebot in unserer Einrichtung leiten. Eine Einrichtung der Evangelischen Kirche. Ehrenamtlich. Ohne finanzielle Vergütung.

OK, sagt der Journalist… Aber dann machen die ja sicher nur, worauf sie Lust haben. Spaßgesellschaft und so… Individualisierung. Das moderne Ich-Ich-Ich der jungen Generation. Als er irgendwas von sozialen Medien und virtuellen Welten nuschelt, höre ich schon nicht mehr zu. Am Ende kommt noch ein beherztes „Die Jugend von heute“. Klar…

ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN!

In meinem Job als Jugendreferent und Sozialpädagoge in einer Evangelischen Kirchengemeinde kann ich aus erster Hand sagen: Junge Menschen  haben  Lust, sich zu engagieren. Sie packen mit an. Sie übernehmen Verantwortung. Sie investieren Zeit, legen sich für ihr Engagement mit ihren Eltern an („du bist ja gar nicht mehr zu Hause“) und setzen sich für Andere und mit Anderen ein. Es gibt nicht nur den konsumorientierten, es gibt auch den aktiven, engagierten Jugendlichen. Ehrlich!

Als Kirche sollten wir weniger Kritik an jungen Menschen üben – wir sollten uns mehr mit den Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen. Und weniger über sie reden. Wir müssen uns fragen: Geben wir Jugendlichen Raum, Gelegenheit, Sinn (hieran mangelt es nach meiner Erfahrung übrigens am häufigsten!) und Begleitung sich zu engagieren?
Ich glaube: Wenn man Jugendlichen in „ihren Räumen“ kreativ-charmante Angebote und klare Engagement-Optionen bietet – dann steigen da schon viele drauf ein. Jugendliche müssen dabei so gut wie möglich entscheiden dürfen, was sie machen. Es ist aber auch wichtig und unsere Verantwortung als Kirche, sie in ihrem Engagement zu begleiten und zu stärken und sie nicht unvorbereitet im Regen stehen zu lassen.

Jung und engagiert? Ja! In der Evangelischen Kinder- und Jugendarbeit

Den Beweis haben wir übrigens im Mai in der Evangelischen Jugend Frömern angetreten.
Über 50 Jugendliche waren bei einer kreativen Kampagne mit dem Titel „Sei kein Schaf – geh wählen!“ zur Steigerung der Wahlbeteiligung engagiert. Und zwar mit gewaltigem Erfolg: In unserer Stadt Fröndenberg sank die Wahlbeteiligung im Schnitt um 2,98 Prozent. Kein einziges Wahllokal konnte mehr Wähler zählen. Außer… ja, außer in Frömern: Da gingen 0,88 Prozent mehr zur Kommunalwahl als noch 2009.
Ein Wahnsinnserfolg. Von Jugendlichen möglich gemacht.

Infos zum Projekt: www.seikeinschaf.de und #seikeinschaf #gehwählen

Sebastian Richter

Sebastian Richter ist als Gemeindepädagoge Jugendreferent der Ev. Kirchengemeinde Frömern. Der Schwerpunkt liegt in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit – die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Jugendlichen ist Methode, Dreh- und Angelpunkt und Ziel zugleich.

„Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.“

„ISIS-Kämpfer rücken immer schneller vor.” – „Bagdad im Visier.” – „Ehemalige Giftgasanlage durch islamistische Terrorgruppe eingenommen.” – Die Schlagzeilen zu der besorgniserregenden Entwicklung im Irak überschlagen sich. – Von Annette Muhr-Nelson.

Hand auf Handgranate

Bild: iStockphoto.com/mvdc

Präsident Obama will 300 Militärberater für die irakische Armee schicken und kündigt zögerlich einzelne gezielte Militärschläge an. Er tut sich schwer mit dieser Entscheidung. Denn er befindet sich in einer Dilemma-Situation. Er hatte gehofft als der Präsident in die Geschichtsbücher einzugehen, der den Irakkrieg friedlich beendet hat. Nun bittet ihn die irakische Regierung höchst selbst um Unterstützung, denn wenn er nichts tue, drohe ein Bürgerkrieg mit ähnlichen Ausmaßen wie in Syrien.

Das Szenario erinnert an Goethes Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird. Das ganze Ausmaß der verfehlten Außenpolitik der Bush-Ära wird deutlich. Der Krieg gegen Saddam Hussein als Antwort auf die Terroranschläge des 11. September hat außer viel Leid und Tod vor allem eins gebracht: eine Erstarkung und Verschärfung des Terrorismus.
„Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.“ Wieder einmal zeigt sich, dass Gewalt Gewalt gebiert.

Den ISIS – Kämpfern ist Einhalt zu gebieten. – Aber ist hier nicht die ganze Völkergemeinschaft in der Pflicht? Die Situation im Irak und in Syrien gehört m.E. vor die UNO. Und sie muss unter der Frage der Schutzverantwortung (responsibility to protect) diskutiert werden. Zur r2p gehören 2 „r“ und ein „p“: prevent, react und rebuild.

“Da muss auch Deutschland mehr Engagement zeigen!”

Unsere Verantwortung für den Frieden in der Welt und die Wahrung der Menschlichkeit besteht vor allem aus Prävention. Dazu gehören Frühwarnsysteme, die Stärkung der Zivilgesellschaft und ein sofortiger Stopp von Waffenlieferungen in Krisengebiete. Da muss auch Deutschland mehr Engagement zeigen!

In Syrien und auch jetzt im Irak ist es mal wieder zu spät dazu. Jetzt muss über „how to react“ diskutiert werden. – Hoffentlich im Zusammenhang mit der Frage „how to rebuild“. Denn wer A sagt, muss auch B sagen.

Wir sollten derweil nicht weggucken, sondern nach den Versäumnissen fragen und Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Wir sollten überlegen, wie wir die irakische Bevölkerung moralisch unterstützen können, und wir sollten nicht nachlassen im Gebet für den Frieden!

 

Annette Muhr-Nelson ist Friedensbeauftragte der EKvW und Superintendentin des Kirchenkreises Unna

Fußball ist Fußball

Okko Herlyn über erlösende Tore, heilige Rasen, magische Momente und Siege für die Ewigkeit.

Foto: iStockphoto.com/fatihhoca

Foto: iStockphoto.com/fatihhoca

Nun werden sie sich wieder vor jeder Einwechslung bekreuzigen. Andere werden vor dem entscheidenden Spiel Kerzen aufstellen und mit blauen Pullovern höhere Mächte beschwören. Und wer weiß, vielleicht wird während der WM wieder die ein oder andere „Hand Gottes“ im Spiele sein.

Fußball eine neue Religion? Nachdem es mit den traditionellen Religionen nicht mehr so weit her ist, wittern manche eine bedrohliche Konkurrenz. Die Kirche müsse sich da schon etwas einfallen lassen, um hier noch mithalten zu können. Andere wiegeln ab. Man solle doch, bittschön, die Kirche im Dorf lassen. Dass sich der Fußball zunehmend religiöser Symbole und Rituale bediene, gehöre eher in die Ecke harmloser Vorabendserien vom Schlage eines Pater Brown oder einer Schwester Adelheid.

„Nein, das wär‘ kein Leben mehr.“

Wenn es denn ganz so harmlos wäre. „Wenn es dich nicht gäb‘“, heißt es im Vereinslied des VfL Bochum, „nein, das wär‘ kein Leben mehr.“ Fußball als Lebenssinn. Hier scheint eine gefährliche Grenze überschritten zu sein. Nicht so sehr für die Kirche, sondern vielmehr für die Menschen selbst, denen diese Art von religiöser Überhöhung den Blick für ihre tatsächliche Situation zu verstellen droht.

Fußball als Religion ist gefährlich, weil er verschleiert, narkotisiert und politisch verdummt. Weil er Perspektiven vorgaukelt, die anderswo nicht mehr da zu sein scheinen. So dass es sich vermeintlich auch nicht mehr lohnt, nach ihnen Ausschau zu halten oder gar für sie zu kämpfen. Die gegenwärtigen sozialen Verhältnisse in Brasilien sind da nur ein Beispiel unter vielen.

Fußball ist Fußball. Aber um Himmels willen nicht auch noch Sinnstiftung, Trost und Lebensperspektive. Und am Ende womöglich Stellvertretergottheit für ganz andere Mächte. Wer jemals unkontrollierte Eltern am Rande eines schlichten F-Jugend-Spiels beobachtet hat, dem zeigen nämlich noch andere Götter ihre Fratzen: die des Erfolgs um jeden Preis. Die eines gnadenlosen Leistungsprinzips. Die einer omnirealen Profitgier, die alles so herrlich zu regieren scheint.

Der Glaube sieht das nüchterner: Fußball ist Fußball. Ein menschliches Vergnügen zum Mitjubeln, Mitbangen und vielleicht auch einmal zum Mitmachen. Aber eben: mehr nicht.

Fußball ist Fußball. Ich freu mich auf die WM.

Okko Herlyn


Professor Dr. Okko Herlyn war Hochschullehrer für Ethik an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum und Privatdozent für Praktische Theologie an der dortigen Ruhruniversität. Zudem ist er weit über die Region als Kabarettist bekannt.