Fußball ist Fußball

Okko Herlyn über erlösende Tore, heilige Rasen, magische Momente und Siege für die Ewigkeit.

Foto: iStockphoto.com/fatihhoca

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Nun werden sie sich wieder vor jeder Einwechslung bekreuzigen. Andere werden vor dem entscheidenden Spiel Kerzen aufstellen und mit blauen Pullovern höhere Mächte beschwören. Und wer weiß, vielleicht wird während der WM wieder die ein oder andere „Hand Gottes“ im Spiele sein.

Fußball eine neue Religion? Nachdem es mit den traditionellen Religionen nicht mehr so weit her ist, wittern manche eine bedrohliche Konkurrenz. Die Kirche müsse sich da schon etwas einfallen lassen, um hier noch mithalten zu können. Andere wiegeln ab. Man solle doch, bittschön, die Kirche im Dorf lassen. Dass sich der Fußball zunehmend religiöser Symbole und Rituale bediene, gehöre eher in die Ecke harmloser Vorabendserien vom Schlage eines Pater Brown oder einer Schwester Adelheid.

„Nein, das wär‘ kein Leben mehr.“

Wenn es denn ganz so harmlos wäre. „Wenn es dich nicht gäb‘“, heißt es im Vereinslied des VfL Bochum, „nein, das wär‘ kein Leben mehr.“ Fußball als Lebenssinn. Hier scheint eine gefährliche Grenze überschritten zu sein. Nicht so sehr für die Kirche, sondern vielmehr für die Menschen selbst, denen diese Art von religiöser Überhöhung den Blick für ihre tatsächliche Situation zu verstellen droht.

Fußball als Religion ist gefährlich, weil er verschleiert, narkotisiert und politisch verdummt. Weil er Perspektiven vorgaukelt, die anderswo nicht mehr da zu sein scheinen. So dass es sich vermeintlich auch nicht mehr lohnt, nach ihnen Ausschau zu halten oder gar für sie zu kämpfen. Die gegenwärtigen sozialen Verhältnisse in Brasilien sind da nur ein Beispiel unter vielen.

Fußball ist Fußball. Aber um Himmels willen nicht auch noch Sinnstiftung, Trost und Lebensperspektive. Und am Ende womöglich Stellvertretergottheit für ganz andere Mächte. Wer jemals unkontrollierte Eltern am Rande eines schlichten F-Jugend-Spiels beobachtet hat, dem zeigen nämlich noch andere Götter ihre Fratzen: die des Erfolgs um jeden Preis. Die eines gnadenlosen Leistungsprinzips. Die einer omnirealen Profitgier, die alles so herrlich zu regieren scheint.

Der Glaube sieht das nüchterner: Fußball ist Fußball. Ein menschliches Vergnügen zum Mitjubeln, Mitbangen und vielleicht auch einmal zum Mitmachen. Aber eben: mehr nicht.

Fußball ist Fußball. Ich freu mich auf die WM.

Okko Herlyn


Professor Dr. Okko Herlyn war Hochschullehrer für Ethik an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum und Privatdozent für Praktische Theologie an der dortigen Ruhruniversität. Zudem ist er weit über die Region als Kabarettist bekannt.

3 Gedanken zu „Fußball ist Fußball

  1. Friedhelm Groth

    Recht hat er, der Okko (auch seit langem ein Theoletterleser).
    Wobei die WM noch mehr zu relativieren ist: Sie hat es mit überhaupt keiner Religion zu tun; sie ist nur eine „Interim-Sache“! Sie überbrückt notdürftig die fußballlose Zeit bis zum Wiederbeginn der Bundesliga, wenn endlich endlich Schalke wieder spielt. 😉
    Der Artikel kommt natürlich in den Theoletter; die Ausgaben der letzten 1 1/2 Jahre HIER:
    =>
    http://www.tinyurl.com/theoletter

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  2. Christian Buro

    „Fußball als Religion ist gefährlich, weil er verschleiert, narkotisiert und politisch verdummt. Weil er Perspektiven vorgaukelt, die anderswo nicht mehr da zu sein scheinen. So dass es sich vermeintlich auch nicht mehr lohnt, nach ihnen Ausschau zu halten oder gar für sie zu kämpfen. Die gegenwärtigen sozialen Verhältnisse in Brasilien sind da nur ein Beispiel unter vielen.“

    Steile These. Haben andere auch schon über Religion gesagt. Und ich finde, damit hatten sie zugleich Recht und lagen total daneben.
    Von mir aus dürfen manche im Fußball ruhig ne Art Religion sehen. Weder das eine noch das andere sollte Realtitätsverweigerung notwendig nach sich ziehen.

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  3. Dietrich Horstmann

    Es kommt auf den Religionsbegriff an. Und auf die Vorstellungen von Gott.
    „Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott.“ Das wäre ein sehr weiter Begriff von Gott und das „Dranhängen“ bis hin zur Sucht wäre „Glaube“. Und als dazugehörige Sinnsystem Religion.
    Gott aber ist für mich nicht ein Anhängsel meines Herzens, wie so manche Wellnessreligion auch in der Kirche es verspricht, sondern auch der Ferne, Unbegreifliche, Furchterregende, der uns fremd bleibt. Aber vor allem der mich Fordernde – etwa mit den vielen Christen auf dem Erdball auf dem Weg der Gerechtigkeit voller Hoffnung auf die befreiende Herrschaft Gottes mitzugehen. In dieser Perspektive ist nicht das Fußballspielen , sondern das Sytem in dem er augenblicklich Macht über uns hat, wirklich zu relativieren: Er soll für mich nicht mehr sein als der Spaß an der Aufregung, wer denn nun siegt oder gar wer der Beste ist: Also ein Abwechslung ins Leben bringender Zeitvertreib. Nicht mehr und nicht weniger. Insofern gebe ich Okko recht.

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