Mein Sparschwein zahlt keine Kirchensteuer

„Sachma, Katharina, spinnt die Kirche jetzt total?“ Als ich nach Hause kam, hatte mein Nachbar gerade seinen Briefkasten geleert und die Post gleich vor der Haustür gesichtet. Dabei war auch einer dieser merkwürdigen Brief von der Bank, die nun alljährlich nach der Kirchenzugehörigkeit fragen. Nachbar Jürgen hatte beim Überfliegen dieses Schreibens nur eines erfasst und das rief er in seinem Unmut quer über die Straße: „Die wollen auch noch Steuern auf meine Ersparnisse haben.“ – Von Katharina Blätgen

Sparschwein mit Hammer

Arme Sau?

Das neue Verfahren zum Einzug der Kirchensteuer auf die Kapitalertragssteuer ist eine Katastrophe der kirchlichen Kommunikation. Denn so wie Nachbar Jürgen (der übrigens katholisch war, aber schon vor vielen Jahren ausgetreten ist) reagieren die meisten: ‚Eine neue Steuer, auf meine Ersparnisse und das von der Kirche – jetzt reicht’s.‘ Missverständnisse, soweit das Auge reicht, und fast keine Chance, sie auszuräumen. Die Austrittszahlen sind merklich gestiegen, bei uns im Kirchenkreis gerade in den Kirchengemeinden, in denen gut situierte Senioren leben.

Was mich daran so ohnmächtig zornig macht: Gefühlte 90 Prozent derjenigen, die deswegen austreten, müssen gar keine zusätzlichen Steuern zahlen, weder dem Staat noch der Kirche. Ich jedenfalls nicht, obwohl ich ein DINK bin (double income, no kids = doppeltes Einkommen, keine Kinder). Wir haben rund 35.000 Euro auf der hohen Kante. Mein Ehemann Michael sagt dazu: „Ich schicke die Freistellungsanträge an unsere beiden Banken und schmeiße deren Briefe wegen der Kirchenzugehörigkeit in den Papierkorb.“

„Wie können die drei Euro fünfzig denn ein Ehepaar glücklicher machen, das 100.000 auf der Bank hat?“

Wir bekommen rund 370 Euro pro Jahr an Zinsen. Steuern muss ein Ehepaar erst zahlen, wenn es mehr als 1.602 Euro bekommt – so steht es im Faltblatt der EKD, das alles genau erklärt. Mehr als 1.600 Euro Zinsen! Ich bin schwach im Kopfrechnen – aber wir müssten doch deutlich über 100.000 Euro an Barvermögen haben, um überhaupt in die Nähe von so viel Zinsen zu kommen, oder?

Und damit bin ich bei dem, was mich staunen lässt: Nehmen wir mal an, als Ehepaar hätten wir so viel Knete. Dann müssten wir einige hundert Euro an Vater Staat zahlen. Da knirscht man mit den Zähnen, tut es aber trotzdem (und ist ja immer noch reicher als im Jahr zuvor). Und dann werden drei Euro fünfzig an Kirchensteuern fällig. Und deswegen tritt man dann aus? Warum? Wie können die drei Euro fünfzig denn ein Ehepaar glücklicher machen, das 100.000 auf der Bank hat? Das verstehe ich einfach nicht.

Katharina Blätgen Katharina Blätgen ist Pfarrerin und Kommunikationswirtin. Sie leitet das Öffentlichkeitsreferat des Evangelischen Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid.

4 Gedanken zu „Mein Sparschwein zahlt keine Kirchensteuer

  1. Andreas Knorr

    Ich verstehe das. Es ist wohl nicht die Höhe der Steuer. Es geht vielleicht eher um den Tropfen ins volle Fass. Für Menschen, denen ihre Mitgliedschaft fern ist, denen kein „Mehrwert“ für diese Mitgliedschaft klar wird (Mehrwert auch in ideellen Werten gemessen). Die nur die Berichte der letzten Monate in Medien mitbekommen, in denen kein gutes Haar an „der Kirche“ gelassen wird, unabhängig von Konfession und Ort. Ich find das auch bedauerlich , aber eben nachvollziehbar, verständlich.
    Und dann kommt eben so ein wirklich komplexes Thema wie Steuer auf Zinsen. Da hilft auch kein EKD-Faltblatt. So einfach ist das ja auch nicht zu verstehen 😉 Der erste Satz triff eher: Katastrophe kirchlicher Kommunikation. Und nein, ich weiß auch nicht, wie das anders kommuniziert hätte werden müssen. Vielleicht eher, vielleicht direkter und persönlicher.

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  2. Maike Klaasen

    Wie das anders hätte kommuniziert werden müssen? Gehört zur Grundausbildung jedes PRlers.
    Die Schwergewichtler unter den Unternehmens-Pressesprechern, feuern ihre Abteilungen schon für viel weniger Pfusch am Bau, als sich unsere innerkirchlichen „Öffentlichkeitsreferenten“ hier geleistet haben.
    Sich wie Frau Blätgen als „ohnmächtig“ zu inszenieren, statt Veranwortung für den Kommunikations-Super-Gau zu übernehmen ist, ist schlicht unverfroren.
    Ich habe nicht gehört, dass ein einziger Kopf gerollt ist oder auch nur irgendein Funktionsträger Verantwortung übernommen hat -obwohl sie nicht einmal eine belastbare Statistik präsentieren können. In KW 12!
    Das erste Gebot des Marketings sollten auch beamtete PRler beherrschen: „Wer seine Kunden für Schafe hält, hat verloren“. Sie haben Vertrauen für Millionen Euro verspielt um 3,50 zu gewinnen. Das sollte Sie aus Professions-Sicht wütend machen.

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  3. Andreas Duderstedt

    Katharina Blätgen hat etwas getan, was selten vorkommt, besonders in der eitlen Welt des interaktiven WorldWideWeb: Sie hat Selbstkritik geübt. Und zwar kollektive Selbstkritik, denn die verspätete und mangelhafte Kommunikation der Abgeltungssteuer-Änderungen geht auf das gemeinsame Konto kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit – bundesweit und evangelisch wie katholisch.
    Welche Köpfe sollten rollen? Denkt die kundige Maike Klaasen hier an die Kommunikationsabteilungen der EKD, der Landeskirchen, der Kirchenkreise?
    Und was belastbare Statistiken angeht: Kennt die Kommentatorin die Mechanismen zwischen Amtsgerichten, Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und kirchlichen Statistikabteilungen? Da herrschen schwerfällige Strukturen, und die Öffentlichkeitsarbeiter sind die ersten, die das gerne anders hätten.
    Deshalb: Bevor Sie schießen, liebe Frau Klaasen, sollten Sie sich mit Sachkenntnis munitionieren.

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  4. Maike Klaasen

    Mir kommuniziert sich hier keine Selbstkritik: nicht ein „wir haben es vermasselt, sorry“, sondern eine quasi ontologische Definition des GAUs, das Verfahren ist die Katastrophe der kirchlichen Kommunikation. Und überhaupt sind diese doofen Sparschwein-Fetischisten schuld, die ihres wegen 3 Euro fuffzig partout nicht schlachten wollen, menno. Und die -gefühlt- meisten von ihnen, zahlen überhaupt nichts und treten aus. O-Ton-Reaktion „Was mich daran so ohnmächtig zornig macht“ Seit wann definiert sich Agression als Selbstkritik?
    Gern würd ich jetzt unseren gemeinsamen Schutzparton der Web-Kultur zitieren Sascha Lobo mit seiner letzten spon Kolumne „5 Formen des Net-Bullshits“ -hier können wir den „Definitions-Bullshit“ ausmachen. Der Kontrast-Bullshit (Nr.2) ist gradezu Stilmittel des Beitrags. Ich -und die Knausrigen anderen. Kommunikationswirte in Frau Blätgens Allter verdienen ca. 4400 Euro im Monat bei einer 55 Stunden Woche. Als Beamtin hat sie allerdings Pensions-Ansprüche -die von besagten 3,50 Euro bezahlt werden sollen. Das erklärt ihren Zorn. Selbständige, Künstler und Journalisten müssen für ihre Altersversorgung selber sparen, hätte sie einen Markt-Research gemacht, wie es zu ihrem Handwerk gehört, wäre ihr aufgefallen, dass die unter die Zielgruppe der nötigen Kommunikations-Kampagne für den Griff in das Sparschwein fallen. So baut sie sich mit dem Kontrast ihre eigene Kommunikations-Falle.
    Um zu verkaufen, warum ihr Unternehmen (Kirchenkreis Gelsenkirchen) 11 von 17 Kindergärten dicht macht, behauptet sie „Für die Zukunft muss der Kirchenkreis zudem mit sinkenden Kirchensteuerzuweisungen rechnen.“ Am 10. März 2015 berichtet die FAZ „Die EKD verzeichnete erstmals Einnahmen von mehr als 5 Milliarden Euro, was einem Plus von 4,8% entspricht.“ Diese Diskrepanz heißt bei Sascha Lobo Ideologie-Bullshit.
    Ja, ich finde, dass beamtete PRler, die statt mit Leidenschaft Kampagnen zu konzeptionieren, wenn einer der größten Change-Prozesse der Nachkriegszeit in der evangelischen Kirche stattfindet, Zeitungs-Clippings erstellen und lustige Artikel für epd-Produkte schreiben, Konsequenzen tragen müssen.
    Bei uns in der freien Wirtschaft sind die Strukturen auch nicht grad fluffig wie ein Baiser -und wir müssen die Verantwortung tragen, wenn wir doppelt so viele Kunden verlieren, wie in Krisenjahren. Ich weiß nicht, in welcher Bubble des WWW Sie sonst zuhause sind, in meiner ist Kritik und Selbstkritik überlebenswichtig.

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