Hunger in Deutschland? – Ein unglaublicher Skandal

1997 sind wir, meine Frau und ich, nach Attendorn gezogen, eine Kleinstadt im Sauerland – florierende mittelständische Industrie in schöner Umgebung mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von weit über 30.000 €.
Was wir beide bis dahin nicht kannten: Immer wieder haben an unserer Pfarrhaus-Tür Menschen geklingelt und nachgefragt, ob sie etwas zu essen bekommen können. – Von Dr. Christof Grote

Leerer Teller

Hunger? Foto: clipdealer

Wir haben viele Brote geschmiert und bald auch mit einem Lebensmittelgeschäft in der Nachbarschaft verabredet, dass wir Gutscheine für Nahrungsmittel ausgeben. Der Händler war schnell ebenso geschockt wie wir und hat angeboten, der Gemeinde alle Lebensmittel, die er nicht mehr verkaufen kann, zur Verfügung zu stellen.

Daraus ist 1998 die Attendorner Tafel entstanden: Jeden Monat geben wir inzwischen für über 400 Menschen Lebensmittel aus; dass diese tatsächlich bedürftig sind – hier gab und gibt es viele Zweifler – wird kontrolliert. Fast alle Geschäfte im Umfeld beteiligen sich mit Warenspenden. Auch aus der Bevölkerung und der Industrie kommen zahlreiche Spenden. Außerdem haben wir viel Ehrenamtliche neu für Kirche und ihr soziales Engagement gewinnen können.

„Erfolgs“-Geschichte?

Auf den ersten Blick also eine echte „Erfolgs“-Geschichte – für die Kirchengemeinde, für die Kommune, die im Sozialamt inzwischen auf die Tafel hinweist und v.a. für die betroffenen Menschen, die kommen: Alleinerziehende, Rentnerinnen und Rentner, kinderreiche Familien, alkohol- und drogenkranke Menschen, Obdachlose, Langzeitarbeitslose und jetzt verstärkt viele Flüchtlinge.

Notleidenden Menschen unmittelbar geholfen, dazu noch Lebensmittel vor dem Wegwerfen gerettet, außerdem ein sinnvolles Feld ehrenamtlichen Engagements eröffnet – und damit eine „Erfolgs-Geschichte“? Bei aller Begeisterung – ich fürchte: Nein! Es ist doch vielmehr ein riesiger Skandal, dass es bei uns so viele Menschen gibt, deren Einkommen nicht für das Nötigste reicht, so dass sie Tafeln, Kleiderkammern, Suppenküche und ähnliche Einrichtungen brauchen.

Was hier wirklich nötig wäre: eine ganz neue Form von Gerechtigkeit – denn: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Spr 14,34). Bis dahin werden wir uns aber selbstverständlich weiter engagieren – mit der Attendorner Tafel.

Dr. Christof Grote

Dr. Christof Grote ist Gemeindepfarrer in Attendorn und Synodalbeauftragter für Diakonie im Ev. Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg

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