Ich will doch nur spielen

Aus dem anderen Hallenteil höre ich die Tritte gegen den Ball und den Jubel nach einem Tor. Wie gerne würde ich da mitspielen. Aber ich darf nicht. Ein Körperteil fehlt mir. Ich bin 14 Jahre alt, weiblich und besuche das Gymnasium „Auf der Morgenröthe“. – Von Miriam Seidel

Frauen beim Fussball

Bei Jungs ist das normal… Foto: Public Domain/pixabay

Rhythmische Sportgymnastik die Mädchen – Fußball und Zirkeltraining im wöchentlichen Wechsel die Jungen. So sah mein Sportunterricht  in der Mittelstufe aus. Das war vor 18 Jahren. Noch gar nicht so lange her. Okay – ein bisschen hat sich seitdem verändert. Gott sei Dank. Manches aber auch nicht.

Ob ich Fußball spiele oder nicht, möchte ich doch gerne selbst entscheiden…

Ganz begeistert sprechen die Menschen über Nora aus dem Konfirmandenkurs: wie gut sie Fußball spielen kann. Das stimmt, kann sie wirklich. Keine Frage. Max kann das auch. Und Florian. Und Jerome. Ungefähr das gleiche Level. Aber das sind ja Jungs. Das ist ja normal. Dass Nora es drauf hat, ist für viele etwas Besonderes. Immer noch. Ich kenne das. Bei mir war es auch immer etwas Besonders, dass ich Fußball spielte. Kaum jemand fand es schlimm, aber viele reagierten verwundert. Nicht nur meine Oma. Auch aus meiner eigenen Generation kenne ich Menschen, die Frauen grundsätzlich nicht Fußball spielen sehen wollen. Das sei nicht ästhetisch, finden sie. Mmh, ehrlich gesagt, bezweifle ich, dass irgendeine Frau Fußball spielt, um auf andere ästhetisch zu wirken. Wir tun es, weil es uns Spaß macht. Weil es ein befriedigendes Gefühl ist, wenn das Zusammenspiel klappt und der Abschluss gelingt. Es ist schön, den Körper zu spüren. Niemand muss uns dabei zusehen, wenn er nicht möchte. Aber ob ich Fußball spiele oder nicht, möchte ich doch gerne selbst entscheiden.

So gut wie Nora aus meiner Konfirmandengruppe habe ich nie gespielt. Aber immer hab ich es gerne gemacht: mit Freunden auf dem Bolzplatz. In Ermangelung einer Damenmannschaft habe ich auch bei den Altherren mitgespielt. Und im Studium jede Woche mit ein paar BWL-lern am Lahnufer. Eigentlich habe ich meistens mit Männern Fußball gespielt. Das war mir egal. Eigentlich ist mir das Geschlecht sowieso egal. Hauptsache das Kicken macht Spaß.

Aussortieren nach Geschlechtsmerkmalen?

Jungs und Mädels in der Phase der Pubertät hingegen nach Geschlechtern aufzuteilen, finde ich problematisch. Gerade in seiner solchen Phase der Selbstfindung. Sinnvoller erscheint es mir, Gruppen nach Begabung, Neigung und Interesse zu bilden. Nicht auszusortieren nach Geschlechtsmerkmalen. Es wäre doch schade, wenn einer oder eine nicht sein oder ihr volles Potential ausschöpfen könnte. Von der psychischen Belastung derer, die von Gott mit beiderlei Geschlechtsmerkmalen gesegnet worden sind, möchte ich hier gar nicht erst anfangen. Oder von denen, die gar nicht so sind, wie andere denken, dass sie sein sollten.

Ich bin froh, dass sich in den letzten 15 Jahren im Sport und gerade im Fußball schon etwas geändert hat. Ein bisschen spiegelt es sich darin wieder, wie die Fußball-WM der Frauen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Immer mehr. Wann fängt die eigentlich an? Muss erstmal nachsehen… ach ja: am 6. Juni…

Miriam Seider

 

Miriam Seidel ist Pfarrerin im Entsendungsdienst in der Evangelischen Kirchengemeinde Brilon (Kirchenkreis Arnsberg)

4 Gedanken zu „Ich will doch nur spielen

  1. Heinz-Hermann Haar

    Sehr geehrte Frau Seidel,
    super, dass Sie gerne Fußballspielen. Aber angesichts der Fußball WM der Frauen finde ich Ihren Beitrag etwas gequält. Aber er ist voll auf der Linie der political correctness. Kirche springt mal wieder auf einen Zug auf, den selbst die GDL nicht aufhalten will.
    „Von der psychischen Belastung derer, die von Gott mit beiderlei Geschlechtsmerkmalen gesegnet worden sind, möchte ich hier gar nicht erst anfangen.“ schreiben Sie. Haben Sie solch einen transgender Menschen mal gefragt, ob er sich dadurch von Gott gesegnet weiß, ob er das überhaupt will. Vielleicht sagt er einfach: „So isset. Und das ist gut so!“
    Er bedarf wie Sie und ich als Mensch des Segens Gottes und nicht erst als transgender Mensch. Warum ist erst alles gut, wenn wir es religiös überhöhen. Lass die Gesellschaft das doch selber regeln. Sie braucht nicht immer erst unsere Zustimmung oder unseren Beifall, den sie uns häufig genug erst mühsam abgerungen hat.
    Stimmen Sie doch lieber ein fröhliches Lied an, dass die Wunden, die Ihnen in Ihrer Jugend geschlagen wurden, heute nicht mehr so häufig geschlagen werden.
    Mit einem ganz unreligiösen aber nicht weniger freundlichen Gruß und dem Wunsch, dass Sie noch viele Gelegenheiten zum Bolzen finden, egal mit wem. Wenn Sie gut dribbeln, ist den Mitspielern das wichtiger als die Art, wie Sie den Pullover über den Kopf ziehen. Und daran kann man ja unwidersprechbar erkennen, wes gender Kind man ist.

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    1. BWH

      Ui – da weiß aber jemand ganz genau, wie andere sich in ihrer Haut zu fühlen haben und worüber sie ein fröhliches Lied anstimmen dürfen… Herr Haar, haben Sie sich dem schon mal gefragt, ob es einem Menschen, der selbst in diesen von Ihnen als so unproblematisch empfundenen Zeiten von den meisten Menschen noch – mindestens – als „ungewöhnlich“ angesehen wird, vielleicht gut tun könnte, sich in seinem So-Sein gesegnet fühlen zu dürfen? Frau Seidel macht ja zu Recht darauf aufmerksam, dass sich zwar manches, aber noch längst nicht alles zum besseren geändert hat. Genauso wenig hilfreich wie ein schnodderiger Ton in dieser Diskussion ist im übrigen der Vorwurf, die Autorin springe auf einen Zug auf. Ja, davor haben sich selbst für mündig haltende Protestanten wohl am meisten Angst. Und finden es wichtiger, nicht auf einen Zug aufzuspringen, als sich sachdienlich zu äußern. Nach meinem Eindruck haben viele in unserer Kirche diesen Zug überhaupt noch nicht wahrgenommen. Oder als befremdlich. Wenn der Blick auf das Pullover-Abstreifen schon alles sagt, dann haben wir ja kein Problem mehr.

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      1. Heinz-Hermann Haar

        Liebe(r) BWH,
        es war nicht meine Absicht, zu verletzten oder zu verunglimpfen. Aber in einem Blog, der „Klare Kante“ heißt, dachte ich, wäre eine etwas pointierte Argumentation auch erwünscht. Wenn ich dabei übers Ziel hinausgeschossen bin, sorry.
        Ich versuche noch einmal meine Frage ohne ira et studio zu formulieren.
        Wenn ein Mensch anders lebt als die Mehrheit, warum ist es dann notwendig, dafür gleich den Segen Gottes zu reklamieren? Wenn ich mich subjektiv in meiner Art zu leben als von Gott gewollt und gesegnet erlebe, dann ist das super. Aber muss deshalb gleich generell der Segen Gottes für diese Form der Lebensbewältigung reklamiert werden? Ist der Segen ein Gütesiegel, dessen es bedarf, damit etwas gut ist? Und das ist auch nicht böse gemeint, sondern wirklich eine Frage.

        Und viele Menschen, die heute homoerotisch oder lesbisch leben, werden sich noch gut an die Zeiten erinnern, in denen wir als Kirche gegen sie argumentiert haben.

        Mit freundlichen Grüßen
        Heinz-Hermann Haar

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  2. Idi Burmester

    Am gleichen Tag wie Pfarrerin Seidel bloggte Silke Burmester in der taz zum Thema Frauenfußball. Im Vergleich wird klar, dass es sich in -klare Kante- tatsächlich um einen Propagandatext zu „irgendwas mit Gendergerechtigkeit“ handelt -und nicht echt um klare Kante in Sachen Frauenrechte oder degenerierte Sportarten. Die Headline ist pure Propaganda: die Autorin will „nicht nur spielen“ sie will manipulieren.Der Leser -und dabei ist völlig wurscht welchen Geschlechts-, der Habermas und Chomsky gelesen und die PR-Grundlagen von Lippmann/Bernay präsent hat, zückt dafür die gelbe Karte.
    „Wer etwas sagt, sagt immer auch etwas über sich selbst“. In diesem Fall: dass die Autorin in einem recht kleinen und reaktionären Milieu beheimatet ist. Die Mädchen in meinem KiGo und Konfi-Unterricht anno 2015 sind sehr selbstbewusste Fußballerinnen, die dann kicken, wann sie wollen, mit wem sie wollen. Und neun von zehn unserer Mitbürger haben kein Verständnis für diese Social-Engineering-Einmischungs-Attitüde unserer Kirchenvertreter: die Kirche des Wortes hat ihr gesellschaftliches Mitspracherecht verloren.
    Guess why!

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