Inklusion darf kein Sparmodell sein

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Wie ist angemessene Förderung in inklusiven Klassen möglich? Foto: Shutterstock.com/Monkey-Business-Images

Ein Bericht aus der Praxis.

Total langweilig. Anstrengend. Demotivierend. So lautet mein Fazit zum Chinesisch-Kurs, den ich vor einigen Wochen besucht habe. Man hatte mich aus Versehen in den Fortgeschrittenen-Kurs gesetzt. Über Wochen habe ich zwar zu Hause chinesische Schriftzeichen gelernt. Aber wirklich verstanden habe ich nichts.

So ist es auch vielen meiner Schülerinnen und Schüler im vergangenen Schuljahr ergangen. Als Förderschullehrerin bin ich für ein Jahr an einer Realschule gelandet, die mit dem Thema »Inklusion« gegen ihren Willen Neuland betreten hat. Dort habe ich mir eine Stelle mit einer Kollegin geteilt. Zusammen waren wir zuständig für zehn Kinder mit Förderbedarf, die auf fünf Parallelklassen aufgeteilt waren.

Die Kinder haben überwiegend große Schwierigkeiten zu lernen oder sind in ihrem Verhalten auffällig. Und sie erleben viel zu häufig, dass sie dem Unterricht in keiner Weise folgen können. Mancher von ihnen versucht es zu kaschieren. Sätze wie »Die anderen sollen nicht merken, dass ich so schlecht bin« habe ich öfter gehört.

Motiviert, aber ohne den Hauch einer Chance

Kein Wunder. Die Klassen sind mit 27 Schülerinnen und Schülern viel zu groß, die Zahl der Förderstunden ist viel zu klein. Ich teile mich ständig zwischen den fünf Klassen auf und habe nicht den Hauch einer Chance, den Kindern mit Förderbedarf wirklich gerecht zu werden. Es ist lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein im Ganztagsbetrieb.

Erschwerend kommt hinzu, dass meine Kolleginnen und Kollegen alles andere als vorbereitet sind. Ich begegne zwar motivierten Realschullehrern, die es gelernt haben, ihren Unterrichtsstoff zu vermitteln. Sie haben es aber zunehmend mit unorganisierten und unkonzentrierten Klassen zu tun. Und sie haben es nicht gelernt, in solch großen Klassen differenziert zu unterrichten. Genau das wäre aber dringend notwendig.

Ebenso wie geeignete Fortbildungen und passendes Unterrichtsmaterial. Selbst wenn Lehrerinnen und Lehrer sich die Mühe machen und etwas Passendes »basteln«, können Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf oftmals nicht selbstständig damit arbeiten. Sie benötigen zusätzliche Anleitung, Motivation und Zuwendung. Dafür ist aber meist keine Zeit. Und was für das eine Kind passend ist, ist es für das andere noch lange nicht.

Das Selbstwertgefühl leidet

So merken die Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf immer häufiger, wie wenig sie im Vergleich zu ihren Mitschülern können. Schüler mit emotionalen Schwierigkeiten können keine tragfähigen Beziehungen aufbauen, da sie manche Lehrerinnen und Lehrer nur einmal in der Woche sehen.

Das Selbstwertgefühl der Schülerinnen und Schüler leidet sehr. Sie sehen sich selbst oft als Versager, da sie sich immer mit den anderen vergleichen und dabei genau merken, dass sie keine Chance haben mitzukommen. Und für eine behindertengerechte Vorbereitung auf das spätere Leben ist ebensowenig Raum und Zeit.

Wenn Inklusion gelingen soll, muss dringend mehr Geld bereitgestellt werden. Mehr Geld für mehr Förderschullehrerinnen und -lehrer, damit Doppelbesetzungen möglich werden. Mehr Geld für Fortbildungen, kleinere Klassen und eine bessere räumliche Ausstattung. Inklusion darf kein Sparmodell sein!

Von meinem Chinesisch-Kurs habe ich mich jetzt abgemeldet. »Meine« Förderschüler sind immer noch an der Realschule.

Die Autorin ist Förderschullehrerin in Nordrhein-Westfalen.

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