Kirche und Demokratie

In diesem Monat kommt die Landessynode zusammen, das gesetzgebende Gremium der Westfälischen Landeskirche. Traditionell im Assapheum in Bielefeld-Bethel. Dort werden, so sieht es aus, die wichtigen Entscheidungen für das evangelische Leben in Westfalen getroffen. Sie hat schon ihre besonderen Regeln, so wie vermutlich jede andere parlamentarische Zusammenkunft auch: Nicht wegzudenken ist die schöne Tradition des mehrmals am Tage angestimmten Chorals, im Stehen selbstverständlich. – Von Dietrich Schneider

Die Synode tagt wieder. Bild: EKvW

Die Synode tagt wieder. Bild: EKvW

Auf unsere Verfassung können wir stolz sein. Sie ist vom Grundsatz her von „unten“ gedacht und legt möglichst viel Verantwortung auf die Gemeinden, sie sichert Mitsprache für viele, sie verhindert, aus geschichtlichem Bewusstsein, die Möglichkeit einer zentralistisch gesteuerten Kirche. Bei uns regiert eben kein Bischof, weder mit noch ohne goldenen Palast.

Oft erlebe ich die demokratischen Instrumente aber als stumpf. Brav und stets auf Konsens bedacht. Endlos scheinende Stellungnahmeverfahren dienen auch nicht dazu, dass Gemeindemitglieder noch wissen, was denn überhaupt gerade entschieden wird. Streit kommt kaum vor. Man entdeckt ihn zumindest hinter fein gewählter Rede nicht. Und wenn nur 5% der Gemeindemitglieder ihre Leitungsgremien wählen, ist das eine grundsätzliche Anfrage an das gutgedachte demokratische System. Beteiligung sieht jedenfalls anders aus. Auch in unserem demokratischen Formen brauchen wir mehr Geh-, weniger Komm-Strukturen. In Gottesdiensten und Gemeindeangeboten wissen wir schon länger hierum und machen gute Erfahrungen.

Mehr Demokratie wagen. Mehr die Menschen direkt fragen. Öffentliche Presbyteriumssitzungen wären da schon mal ein Anfang. Weniger Ausschüsse, mehr unordentliche Initiativen. Kirchen, die ihre Mitglieder mehr beteiligen, werden auch demokratischer. Das können wir von unseren Nachbarn in Europa und auch bei den Freikirchen lernen. Oder mal bei E-Governance-Projekten was abgucken. Letztlich geht es ja darum, für die gute Nachricht Gottes einen Rahmen zu finden und zu pflegen, in dem eben diese zur Geltung kommt. Und nicht eingeengt wird. Dem müssen unsere Strukturen dienen. Die Lebenswelten der Menschen und ihre Vorstellung von Mitspräche ändern sich. Auch unsere demokratischen Formen müssen dies berücksichtigen. Also: mehr Mut und Leben in das gute alte presbyterial-synodale System, das hat es verdient.

Die Landessynode tagt vom 16. bis 20. November in Bielefeld. Die Bericht und Ergebnisse der Tagung finden Sie unter www.landessynode.de.

Dietrich Schneider

Diakon Dietrich Schneider ist Öffentlichkeitsreferent im Kirchenkreis Unna und berufenes Mitglied der Landessynode.

7 Gedanken zu „Kirche und Demokratie

  1. Thomas Bracht

    „Bei uns regiert eben kein Bischof.“ Ich finde eine solche Bemerkung ärgerlich, weil unsachgemäß. In Westfalen ist die Vorstellung weit verbreitet, dass evangelische Bischöfe wie Monarchen regieren. Das westfälische Präsesamt wird hingegen als ein Ausbund von Gewaltenteilung gefeiert.
    Ein Blick in die Verfassungswirklichkeit (sprich: in die Kirchenordnung) belehrt eines Besseren: Der/die evangelische Präses ist Vorsitzender der Landessynode, der Kirchenleitung und des Landeskirchenamtes, vereint also in seiner/ihrer Person legislative und exekutive Spitzenpositionen. Das ist, wenn nicht Machtfülle, so doch eine bedenkliche Ämterhäufung.
    Zum Vergleich: Die Landeskirche in Württemberg hat einen Landesbischof, der aber nicht Vorsitzender der Synode ist – das ist der Präsident. Und auch in einer anderen Hinsicht könnten wir Westfalen von den Württembergern lernen: Die Landessynode wird dort direkt von den Gemeindegliedern gewählt. Merke: Die Gleichung „bischöflich verfasste Kirche = weniger Demokratie“ ist schlicht falsch.

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  2. Luise Hardt

    Guten Tag Herr Schneider,

    wahrscheinlich bin ich zu dumm um Ihr Geschriebenes zu verstehen! Wenn in der Kirche Demokratie erwünscht und gewünscht ist,würde mir eine einfache , aber klare (nicht Kante);-//, Ausdrucksweise ihres Anliegens gefallen
    Warum so kompliztiert, wenns auch einfach geht und daß es jeder versteht!
    Also generell bin ich für Demokratie, , die wir ja leider nicht haben oder hab ich etwas übersehen?
    Unsere Kirche bietet sicher vieles an, gibt sich auch sehr viel Mühe und trotzdem zeigt sie sich nicht sonderlich demokratisch! Sie entscheidet , wie ein kleiner Bundestag,von Gemeindegliedern gewählten Menschen,genannt Presbyterium,die dann entscheiden, was gut oder nicht gut ist!
    Ich glaube 8 Jahre sind zu lang für eine „Legislaturperiode“, da wird der Wald vor lauter Baümen nicht mehr so deutlich gesehen! Viele Mitglieder gehen an ihre Grenzen und meinen , daß nur „ihr“ Wort Gewicht hat!
    Das ist mein Eindruck , daß das Menschsein und zwischenmenschliche auf der Strecke bleibt!
    Welcher Choral wird denn da im Stehen gesungen, ich kenne viele und würde gene mitsingen, denn singen macht die Seele weich und warm und öffnet Herzen!
    Kann jetzt wirklich nur aus mir heraus und aus meiner Erfahrung sprechen, voila‘

    “ im Dunkel unserer Nacht entzünde das Feuer“,
    das nie mehr erlischt“♪♪♪

    Seien Sie und alle die mit Ihnen sind,
    behütet und beschützt! 😉
    Luise Hardt

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    1. Dietrich Schneider

      Liebe Frau Hardt,
      tut mir leid, wenn ich mich nicht verständlich ausgedrückt habe. Aber ich glaube, wir denken ähnlich: was die Demokratie in der Kirche angeht, ist noch Luft nach oben. Insbesondere, wie Menschen es empfinden, dass über sie „bestimmt“ wird.
      Übrigens: es gibt nicht den einen Choral, den die Synode singt, je nach Tageszeit oder Andachtsthema ist da die Fülle des Gesangbuches gefragt. Mitsingen können Sie übrigens, wenn die Synode in der nächsten Woche im Internet übertragen wird! http://www.ekvw.de
      Herzliche Grüße
      Dietrich Schneider

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  3. pif

    „Ich finde Mehr Demokratie wagen. Mehr die Menschen direkt fragen.“
    sollte für eine moderne Kirche, wie sich die Westfälischen gerne sieht, selbstverständlich sein.
    Aber gerade hier tuen sich die Verwaltung und die Verantwortlichen schwer.
    Immer weniger Synodalen sind überhaupt je von einem Gemeindemitglied direkt gewählt worden!
    Die Umbenennung von Presbyterwahl in Kirchenwahl oder die geplante Heraufsetzung des Alters für Presbyter bringen hier keine Lösung für die Zukunft. Von ePartizipation, Online-Wahl oder -Befragung ganz zu schweigen. Solange das so bleibt werden die Gremien weiter vergreisen und sich von der Gemeindewirklichkeit entfernen.
    Schade, da ist die presbyterial-synodale Verfassung nur noch auf dem Papier steht und so wenig mit Leben gefüllt wird!

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  4. Idelette Calvin

    „Das demokratische Prinzipgibt es eigentlich in der Kirche kaum. Und in der Theologie überaupt nicht. Es gibt in der Praxis die Konzilien, aber dort ist eine Demokratie der obersten Schichten.“
    -Kein Synodenmitglied wird von Gemeindegliedern gewählt. Immer weniger haben überhaupt noch Berührungspunkte mit den Gemeinden.
    -Immer mehr distanziert sich die EKvW von Barmen III „Die christliche Kirche ist die Gemeinde“. Verständlich erläutert von Prof. Eberhard Mechels in „Die geplante Marginalisierung der Gemeinde“. http://www.kirchenbunt.de
    Wer evangelische Kirche bleiben will, muss jetzt eine Außer-Synodale-Opposition bilden.

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  5. Tilman Walther-Sollich

    „Mehr Demokratie wagen“ – das habe ich doch schon mal irgendwo gehört? Auch wenn das schon über 46 Jahre her ist (Willy Brandt, 1969, wenn ich mich nicht irre): In der Kirche dauert manches nunmal länger. Falsch ist es darum nicht. Die Frage ist nur: Wollen wir das wirklich? Und wenn ja: Warum tun wir es nicht längst?

    Vielleicht, weil wir uns seit langem damit begnügt und abgefunden haben, „die Gemeinde“ (was ist das überhaupt?) mit den höchstens fünf Prozent der Gemeindemitglieder gleichzusetzen, die die oftmals beschworene „Kerngemeinde“ bilden?

    Nachdenkliche Grüße von Tilman Walther-Sollich

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    1. Pauline Veigt

      Ah, ein Gemeinde-Terminator! Dabei bilanziert doch nicht nur die V. KMU sondern auch Gerhard Wegners (SI) frisch geprüftes „Gemeindebarometer“, dass für alle Kirchenmitglieder Gemeinde fast nur Ortsgemeinde ist. Die dezidierten Studien legitmieren Kirchenstrukturveränderungen wie wir sie in den letzten 10 Jahren erlebten, so gar nicht.
      So schwer kann das doch gar nicht sein -für eine Kirche, deren Leitung in Bielefeld zuhause ist-, Luhmanns Erkenntnisse über Interaktionssysteme richtig einzuordnen und Netzwerke zu bauen, statt sie abzufackeln. Ortsgemeinden werden mehrheitlich und schon lange als demokratisch wahrgenommen, wie ein kurzer Blick ins „Gemeindebarometer“ bestätigt. Mittlere und Landeskirchliche Ebene nicht. Gemeinde zu eleminieren, um noch mehr Teppichetage zu bauen, ist dumm. Oder wie Prof. Dr. Mechels analysiert: „Dieser Prozess der Erosion, der geplanten und verwalteten Erosion an der Basis, nämlich in den Gemeinden, ist ruinös, sehr problematisch. Da wird die Kirche vor die Wand gefahren, und die Reformer merken es nicht. Der Rotstift sollte am Kopf der Organisation ansetzen und nicht immer unten.“ (Die Barmer Erklärung heute. Kirche und Macht. 8.11. 2015). Sonst tönt es in 2016 noch von sehr viel mehr Gemeindegliedern „Hasta la vista, baby!“.

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