Hartz IV: Überleben Ja – gesellschaftliche Teilhabe Nein danke!

Für Nahrungsmittel sind bei einem alleinstehenden erwachsenen ALG-II-Empfänger 138,82 € monatlich vorgesehen, ein 6 bis13-jähriges Kind erhält 104,86 €. Pro Tag sind dies 4,62 € für Essen und Trinken, für das 12-jährige Kind noch 3,49 €. Wenn für das Mittagessen 1,49 € eingeplant werden verbleiben für das Frühstück und Abendessen je ein Euro. Wichtig ist, dass das Kind keinen gesunden Apfel mit zur Schule nehmen möchte oder nachmittags Hunger bekommt, hierfür ist kein Cent mehr übrig. Es sollte auch den ganzen Tag keinen Durst haben oder mit Leitungswasser zufrieden sein, der Getränkeanteil war bei den Essensausgaben verplant. – Von Michael König

Hand füllt Hartz-IV-Antrag aus

Bild: clipdealer

Für Schuhe sind für ein 6 bis 13-jähriges Kind monatlich 10,43 € vorgesehen. Ein Paar Sandalen, Halbschuhe und Winterschuhe im Billigeinkauf für 40,00 € und alles ist für ein Jahr ausgegeben. Schuhe zum Wechseln, Verschleiß, wachsende Kinderfüße alles sollte bei Hartz IV nicht vorkommen. Sportunterricht in der Schule lieber auch nicht; Turnschuhe sind in der beschriebenen Variante nicht eingeplant.

Alles reduzieren

Der Mangel bei den Grundbedarfen wie Ernährung, Kleidung, Energieversorgung wird dadurch ausgeglichen, dass andere Ausgaben komplett eingespart werden. Für einen Erwachsenen sind im monatlichen Regelsatz für Spielwaren/Hobbys (1,30 €), Bücher/Broschüren (5,55 €), Bildung/Kursteilnahme (1,50 €), Besuche von Sport- und Kulturveranstaltungen (8,30 €) oder Mitgliedsbeiträge (1,45 €) eingeplant. Einsparungen bei Ausgaben für soziale Kontakte ermöglichen es, für ein Mittagessen 2,50 € einzuplanen oder die notwendigen Billigturnschuhe für das Kind zu bezahlen.

Meine Erfahrung nach über 10 Jahren Hartz-IV ist, dass Hartz-IV-Empfänger ihre Ausgaben auf die Grundbedürfnisse wie billig wohnen, sparsamstes Heizen, billiges Essen… reduzieren und die sozialen Ausgabenfelder streichen, um mit den vorgesehenen Leistungen auszukommen. Schamgefühle eine Tafel oder ein Kleiderlager zu nutzen, sollte man sofort abbauen. Gesellschaftliche Teilhabe (Tageszeitung, ein Kinobesuch, ein Fahrt in den Zoo, eine Feier mit Freunden) ist nicht möglich.

Ich erlebe regelmäßig, dass Kontakte zu Freunden, Nachbarn, Ex-Kollegen reduziert werden. Eine soziale Isolierung ist bei Hartz-IV vorprogrammiert. Die individuellen, sozialen und politischen Folgeprobleme ebenfalls.

10 Jahre Hartz-IV sicher kein sozialpolitisches Ruhmesblatt, der politische Handlungsbedarf ist immens.

Kleinere Handlungsmöglichkeiten, auch außerhalb „der großen Politik“ für z. B. Kirchengemeinden oder Vereine oder auch im nachbarschaftlichen Umfeld, sind schon jetzt möglich und helfen sicher zumindest gegen die gesellschaftliche Isolierung weiter.

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Michael König ist Leiter der Sozialberatungsstelle Soest des Evangelischen Perthes Werkes

3 Gedanken zu „Hartz IV: Überleben Ja – gesellschaftliche Teilhabe Nein danke!

  1. Anica Carlson

    Es tut mir wirklich leid, dass Sie 10 Jahre Hartzer waren. Aber die Probleme, die Sie hatten, haben meine Studi-Freunde genauso, ihnen bleibt eben so wenig für soziale Kontakte übrig, aber es geht gut, sie ohne Geld zu pflegen – wobei ich keinen kenne, der noch eine Zeitung für gesellschaftliche Teilhabe braucht. Nur wenn er in München oder Frankfurt studiert und kein bezahlbares Zimmer gefunden hat, da hilft Zeitung auf der Parkbank oder im Hauseingang.
    Familien mit mehr als einem Kind können sich auch mit einem Vollverdiener den Kinobesuch nicht leisten und Second-Hand ist bei den meisten an der Tagesordnung.
    Und es waren doch Synodale der evangelischen Kirche wie Kathrin Göring-Eckardt, die Hartz IV mit-gepusht haben. Auch Es-Präses Buß hatte doch in Schröders SPS seine dicksten Freunde und die EKvW ist heute noch entzückt, wenn Schröder-Freundin Kraft ihre Aufwartung macht. Klare Kante wäre gewesen, wenn die Kirchenleute mit Macht damals ihren Mund aufgemacht hätten.

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