„Früher war mehr Lametta“

Christbaumschuck

Bild: Public Domain/pixabay

Wie Recht Loriot doch hatte: Früher war mehr Lametta. – Von Anne Heibrock

Und heute? Was haben wir stattdessen? Bergeweise anderen Kitsch: Engel, Sterne in allen nur denkbaren Farben, Größen und Formen. Aus Holz, Plastik oder Metall. Dazu Kerzen in Rot, Weiß, Blau, Grün, Lila, Gelb oder Braun – aus Wachs oder mit LEDs. Lichterketten für drinnen und draußen, Nikoläuse, Rentierschlitten aus Hunderten von Lämpchen, Windlichter, Tannenzweige und -zapfen aus Plastik, Fensterschmuck in Silber und Gold, Schneewatte und, und, und. Von Christbaumkugeln in unzähligen Varianten ganz zu schweigen.

Wer in diesen Tagen einen Blumenladen oder ein Möbelhaus betritt, muss sich erst durch Sonderverkaufstische mit haufenweise (vor-)weihnachtlichem Dekokram durchkämpfen, ehe er oder sie zum eigentlichen Sortiment vordringt.

Aber den Kunden scheint’s zu gefallen. Den meisten jedenfalls.

Deko-Diktatoren

Mich jedoch – das habe ich mir fest vorgenommen – werden die Deko-Diktatoren nicht unterjochen. Ich verweigere mich. Standhaft. In meiner Weihnachts- und Adventskiste ist – wenn ich mal von wenigem Geschenktem und Ererbtem absehe – seit mindestens zehn Jahren alles beim Alten.

Zugegeben, der Wirtschaft ist das nicht gerade förderlich. Wenn alle ein solches Konsumverhalten an den Tag legten wie ich, sähe es in manchen Läden um den so notwendigen Umsatz in der Vorweihnachtszeit wohl schlecht aus. Aber das kann ich – so leid es mir tut – nicht ändern. Ich bin ein Dino in Sachen Deko; ein Wesen, das es schon längst nicht mehr gibt.

Was waren das noch für Zeiten…

Und warum? Weil ich‘s einfach nicht leiden kann, jedem Trend hinterherzulaufen. Wo bleibt denn da die Nachhaltigkeit? Außerdem habe ich schon lange den Eindruck, dass die Dekomanie meiner Mitmenschen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Verständnis des Sinns von Weihnachten und Advent steht. Oder einfacher: Je mehr der christliche Hintergrund dieser Dezemberfeiertage in Vergessenheit gerät, desto mehr wird dekoriert. Und zwar was das Zeug hält.

Was waren das noch für schöne Zeiten, als es nichts gab als einen Adventskranz mit vier Kerzen? Und zu Weihnachten Sterne aus Stroh oder Holz am Baum, Honigkerzen und – ein paar Lamettafäden über den Zweigen.

Daran dürfte auch Loriot seine Freude gehabt haben. Aber das war eben früher…

Annemarie Heibrock

Anne Heibrock ist Redakteurin der Evangelischen Wochenzeitung UNSERE KIRCHE

4 Gedanken zu „„Früher war mehr Lametta“

  1. Heinz-Hermann Haar

    Alle Jahre wieder
    Ich gebe Ihnen in Ihrer Einschätzung in fast allen Punkten recht. Aber ist das das Papier noch wert, auf dem man es schreibt? Alle Jahre wieder wie Weihnachten kommt die Klage, dass Weihnachten seinen Sinn verloren habe, es kommerzialisiert sei von Deko-Diktatoren.
    Im Weihnachtsgottesdienst begrüßte einmal ein Pfarrer die weihnachtliche Gemeinde mit dem Satz. „Liebe Christen, liebe Mitmenschen.“ Eine pastorale Unverschämtheit. Nur meine in Ansätzen gute Erziehung hielt mich davon ab, aufzustehen und zu gehen.
    Fulbert Steffenky versucht einen anderen Zugang zu diesem weltlichen Weihnachten zu finden. In dem von ihm herausgegebenen wunderbaren Buch „Ein seltsamer Freudenmonat“ Stuttgart 2011 schreib er auf S.7ff

    „Der »seltsame Freudenmonate« ist die Zeit, in der in den Herzen der Menschen »ein kapellenloser Glaube« steigt, »der leise seine Wunder tut«. Advent und Weihnachten sind nicht nur die Zeit der Christen; nicht nur die Zeit, in der man sich an die Geburt Christi erinnert. Es ist auch die Zeit eines »kapellenlosen Glaubens«. Die meisten Menschen in unserem Land kennen nur noch vage die Ursprungserzählung dieses Festes. Sie wissen wenig von Engeln und Hirten, von der armseligen Geburt im Stall und den Fremden aus dem Morgenland, die gekommen sind, um das Kind anzubeten. Das Fest ist für sie weggetrieben vom alten Festland der biblischen Überlieferung. Es flottiert im Meer unbestimmter Erwartungen. Trotzdem ist es auch für sie die Zeit der »wunderweissen Nächte«. An Weihnachten sind die christlichen Kirchen voll, voll von Christen und Nicht-Christen. Einige glauben an das Geheimnis der Nacht. Einige sehnen sich vielleicht danach, glauben zu können. Für andere gehört der Gottesdienst zum Heiligen Abend wie »Dinner for one« zum Silvesterabend, und dies wird wohl auch eine bescheidene Form der Sehnsucht sein. Einige spielen den Glauben auf Stunden. Sie singen die alten Lieder, als stimmten ihre Herzen damit noch überein und als sei es noch ihre Sprache. Die Kirchen sind zu Weihnachten eine Art Kostüm- und Sprachverleihanstalt. Sie leihen Kleider, Masken, Sprachen, Lieder, Gesten aus an die, die keine eigenen haben und die doch gelegentlich spüren, dass sie sie brauchen — die Sprache der Hoffnung und die Lieder, die davon singen, dass es ein Herz der Welt gibt und dass das Leben nicht über eisigen Abgründen hängt. Weihnachten ist die Nacht des religiösen Lumpengesindels. Die Nacht gehört auch ihnen, wer immer sie seien. Es ist die zwangloseste aller Nächte. Advent und Weihnachten gehören den Christenmenschen längst nicht mehr allein, wie die großen Dome und die Bachkantaten ihnen nicht allein gehören. Weihnachten gehört zur Kultur unserer Lebensregion, selbst wo diese Kultur sich von ihren historischen Wurzeln entfernt hat. Dieser Kultur kann man das Recht auf Weihnachten nicht absprechen, selbst wenn Bedeutung und Sinn des Festes verändert sind. Dieses Fest »ist nicht das Weihnachten des vierundzwanzigsten Dezembers allein — es ist das Weihnachten der Seele. Gibt es das? « (Kurt Tucholsky).“

    Wäre das nicht ein hoffnungsvollerer Zugang zu all den Menschen, die wenigstens an diesem Tag etwas spüren wollen von der Hoffnung jenseits der Dekoo-Diktatoren.
    Und dann können wir sicherlich gemeinsam die Vermarktung auch dieser Sehnsucht beweinen.
    Mit freundlichen Grüßen

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    1. Bettina Maoro-Bergfeld

      Das sind wirklich wunderbare, weiterführende und versöhnliche Gedanken. Danke für diesen Hinweis: Das Buch besorge ich mir. Weihnachten bleibt eben eine Suche…

      Vielen Dank!

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