Warum die absolute Priorität der Flüchtlingsfrage kein guter Weg sein könnte

In diesen Tagen sind es viel zu viele Menschen, die in eine ungewisse Zukunft fliehen müssen, weil sie dort, wo sie sind, keine Zukunft und keine sichere Gegenwart haben. – Von Heinz-Hermann Haar

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…dürfen wir das, wenn es so viel Menschen auf der Flucht und in Not gibt?

Flüchtlinge erfahren vielerlei Grenzen: Vor der Flucht erleiden sie Krieg und Gewalt, Demütigung und Vergewaltigung, Hunger und Krankheit, Arbeits- und Perspektivlosigkeit – sie stoßen an existentielle, physische und psychische Grenzen, die sie nicht überwinden können, vor denen sie fliehen. Auf der Flucht begegnet ihnen erneut Gewalt und Erniedrigung, Hunger und Ausbeutung, zudem Gefahr bei der Durchquerung fremder Länder, stürmischer Meere, reißender Flüsse, um an das gegenüberliegende rettende Ufer zu gelangen.

Wer Grenzen erfährt, die er selbst nicht überwinden kann, braucht Nächste, die ihm zur Seite stehen. Jesus beantwortet die Frage „Wer ist mein Nächster“ mit der Gegenfrage: „Wer ruft mich, damit ich zu seinem Nächsten werde?“

Dass wir uns um diese Menschen und ihr Leid kümmern müssen, steht völlig außer Frage. Aber vielleicht sei die Frage gestattet, ob das alles andere überdecken darf und soll? Realität: In der Predigt die Flüchtlingsfrage, in den Fürbitten die Flüchtlingsfrage, bei der Kollekte die Flüchtlingsfrage. Manchmal hat man den Eindruck, die Weihnachtsgeschichte würde dieses Jahr nur deshalb nicht umgeschrieben, weil auch in ihr von Menschen auf der Flucht die Rede ist.

Noch einmal: Dass wir uns um diese Menschen auf der Flucht und ihr Leid kümmern müssen, steht völlig außer Frage.

Singen und freuen ohne schlechtes Gewissen

Aber dann merke ich, dass ich auch in diesem Advent mal wieder „Tochter Zion, freue Dich“ mit allen Orgelregistern und vielleicht auch noch dem Posaunenchor im Forte aus vollem Herzen singen möchte. Ich möchte, dass der Zimbelstern an unserer Orgel, der nur zu Weihnachten in Aktion tritt, einfach nur hell klingt; die Gemeinde leise lacht, weil es so schön unnütz und dennoch wundervoll ist. Ich möchte das mal wieder ohne schlechtes Gewissen tun können.

Aber dürfen wir das, wenn es so viel Menschen auf der Flucht und in Not gibt?

Wenn wir im Kirchenjahr weiter fortgeschritten sind, möchte ich wieder von und mit Paul Gerhardt singen: „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Paul Gerhardt hat dieses Lied kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges geschrieben, in dem fast Zweidrittel der Bevölkerung Deutschlands ermordet worden waren.

Und zum Glück lässt uns unser Pfarrer dann auch einmal im Jahr die beiden folgenden Strophen dieses Liedes singen:

4) Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist die Jungen,
der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen,
ins tiefe Gras gesprungen.

7) Der Weizen wächset mit Gewalt;
darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des, der so überfließend labt
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte,
das menschliche Gemüte.

Dass unsere Kirche diese Strophen immer noch im Gesangbuch abdruckt, lässt sie mich immer mehr liebhaben. Wer mit solchen Worten Gott loben kann und will, der hat viel verstanden von der menschlichen Güte Gottes. Einer tief im Westfälischen gegründeten Gemeinde fällt das zu singen nicht immer leicht und in den Schoß, aber die Gesichter sehen danach irgendwie anders aus. Fast katholisch glücklich.

Freude!

Wieder zurück zur klaren Kante. Die Flüchtlingsfrage ist die entscheidende Herausforderung für unsere politischen und kirchlichen Gemeinden. Aber es gibt den bedenkenswerten Satz: „Der Glaube kann Berge versetzen. Aber, wenn er nicht aufpasst, begräbt er dort, wo er den Berg absetzt, zu vieles unter sich.“

Wenn also neben der Flüchtlingsfrage nicht auch die Freude und die Leichtigkeit unseres Glaubens gelebt und gefeiert werden dürfen; wenn eine Gemeinde, die Spenden zur Ausstattung der Kirchenmusik sammeln will, weil sie meint, diese Freude an der Musik sei wichtig; wenn sie dies nicht mit gutem Gewissen tun darf, dann läuft etwas schief. Wenn uns die Freude an unserem Glauben verloren geht, dann haben wir nicht mehr so viel, was wir in diese Gesellschaft einbringen können, damit es sich für die neuen Mitmenschen lohnt, sich in diese Gesellschaft zu integrieren. Wohlstand allein kann es ja wohl nicht leisten, oder?

Heinz-Hermann HaarHeinz-Hermann Haar ist Mitglied des Presbyteriums im münsterländischen Senden. Er bloggt zu den Themen Inklusion und Lifescience.

 

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