Können (nur) Mütter trösten? Gedanken zur Jahreslosung 2016

Die Jahreslosung 2016 lautet: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Jes 66,13 – Von Heinz-Hermann Haar

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Nun denkt man zunächst: Welch trostreiche Überschrift über ein ganzes Jahr. Erst leise, dann immer deutlicher, wurden dann Anfragen an diesen Vers in einem lauter: „Was ist, wenn ich als Kind erleben musste, dass meine Mutter mich nicht trösten konnte, weil sie selber keinen Trost in sich hat?“ Das passte nun so gar nicht in die besinnliche Stimmung, die man eigentlich erwarten sollte bei diesem Vers.

Mir fallen noch viele weitere Widerhaken ein. Zum Beispiel: „Ist der Trost eines Vaters weniger tröstend?“ Oder: „Gott wird fast überall in der Bibel in einer männlichen Rolle gesehen. Warum wird ihm hier auf einmal der trostreiche Mantel einer Mutter umgelegt?“

Oder: „Wie hören Menschen diesen Satz, wenn sie als Kinder ihre Mütter z. B. alkoholkrank erlebt haben?“ Ich habe das immer mal wieder von Schülerinnen und Schülern unter Tränen gehört, wie zerstörend das ist, wenn man nach Hause kommt und findet dort Mutter oder Vater hilflos, vielleicht in seinem eigenen Erbrochenen liegend, weil die Flasche mal wieder stärker war als das Zutrauen zu sich. Nie jemanden in mein Zimmer einladen können, weil ich nicht abschätzen kann, in welchem Zustand das alkoholkranke Elternteil sich präsentieren würde.Dann soll ich froh sein, dass Gott mich wie eine Mutter trösten will?

Klar, es gibt die vielen anderen Beispiele von echtem Trost durch mütterliche Mütter. Aber auch dabei gab es die Situation, dass ich nicht getröstet werden wollte mit dem Satz: „Alles wird gut!“ Ich wollte mal richtig traurig oder sauer oder sogar böse sein dürfen, weil mich etwas verletzt hat, was nicht so einfach mit „Alles wird gut!“ besänftigt werden konnte. „Mutti, lass Deinen Trost für später, hör erst mal meinen Zorn!“

Vielleicht geht Ihnen das manchmal ja auch so, dass man erst einmal seinen Zorn – auch bei Gott – loswerden will und loswerden muss, ehe man überhaupt fähig ist, sich trösten lassen zu wollen.

Es ist wahr, dass wir Gott nicht anders als in menschlichen Bildern denken können, aber vorsichtig mit eben diesen Bildern sein müssen, dass wir ihn damit nicht erschlagen. Das Bild von der tröstenden Mutter ist vielleicht ein solches Bild, das trostreich und hilfreich sein kann, aber auch Gott verstellen und zudecken kann.

Vielleicht denken Sie in diesem Jahr darüber nach, welches Bild Sie wählen würden, wenn Sie von Erfahrungen des Trostes durch Gott reden wollen. Vielleicht denken Sie auch darüber nach, welche Bilder von Gott Sie lieber heute als morgen über Bord werfen sollten, weil sie Ihnen Gott nicht (mehr) näherbringen, sondern Gott verdunkeln.

Heinz-Hermann HaarHeinz-Hermann Haar ist Mitglied des Presbyteriums im münsterländischen Senden. Er bloggt zu den Themen Inklusion und Lifescience.

 

3 Gedanken zu „Können (nur) Mütter trösten? Gedanken zur Jahreslosung 2016

  1. Margarete Steinmann

    Die Überlegungen sind alle gut und richtig. Ich frage mich nur, warum das bei dem weiblichen Gottesbild jetzt sehr viel diskutiert wird (nicht nur in diesem Beitrag). WErden die vielen männlichen Bilder nicht so schnell mit konkreten „Männern“ in Verbindung gebracht? In jedem Gottesdienst immer wieder „Herr“,
    aber auch das Vater Unser neben „Hirte“ „König“ …
    geschwisterliche Grüße
    Margarete Steinmann

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  2. Elke Markmann

    Gute Gedanken. Aber: Kommen die nicht beim Vater-Gott genauso? Und noch viel mehr? Was machen die Kinder, die von ihrem Vater missbraucht worden sind, mit dem Bild des Vaters?
    In einem Gesprächskreis sagte mir eine Frau, die jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden war: „Und gerade deshalb nenne ich Gott meinen Vater. Denn er ist einer, anders als der, unter dem ich gelitten habe.“ Das väterliche Gegenbild.
    So auch das mütterliche Gegenbild zu dem, was eine Mutter vielleicht nicht hat leisten können.
    So lange wir Gott nicht auf ein einzelnes Bild festlegen, können wir in vielen Bildern von ihm sprechen. Es geht für uns doch gar nicht ohne!

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  3. Siegfried Schütt

    Ich finde wichtig, wie der Satz im Kontext steht von Jesaja 66:
    „9Sollte ich durchbrechen, aber nicht gebären lassen?, spricht Gott . Sollte ich gebären lassen und doch verschließen?, spricht deine Gottheit.
    10Freut euch mit Jerusalem und jauchzt alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! 11Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes, weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres * Glanzes(= kavod). 12Denn so spricht Gott: Ich breite bei ihr Frieden aus wie einen Strom und wie einen überschäumenden Bach den * Reichtum(= kavod) der fremden Völker. Ihre Säuglinge sollen auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt werden. 13Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten, und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein.
    14Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen, und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras.“

    Daraus wird deutlich, es geht um Jerusalem als Beispiel, sie ist immer wieder aus Ruinen auferstanden. Das in ein zerstörtes Land zurückgekehrte Volk wird damit getröstet und ermutigt nicht zu verzweifeln, weil Jerusalem eben wieder zu neuem Glanz erstrahlen wird. Darin liegt der konkrete Trost.
    Gott wird die Menschen zu neuem, hoffnungsvollem Leben bringen, sie beschützen und stärken, wie eine Mutter ihr Baby unter Schmerzen ins leben bringt, es beschützten und stärken sollte durch die Muttermilch. Das ist ein Trost von Gott und eben nicht abhängig von der biologischen oder leiblichen Mutter.
    Trost, der nicht vertrösten will, muss konkrete nachvollziehbare Bilder oder an Erfahrungen anknüpfen und damit Zutrauen und Vertrauen schaffen in eine bessere Zukunft.

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