„Lügenpresse“ – umfassend, objektiv und wahrhaftig

Wenn „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) „Lügenpresse“ skandieren, gehört das noch zu den harmloseren Beschimpfungen. – Von Christa A. Thiel

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Immer wieder montags in Dresden: Die Pegida demonstriert! „Es ist eine Veranstaltung, zu der wir als Journalisten nicht so gerne hingehen“, sagte Reporter Danko Handrick vom ARD-Morgenmagazin Ende Januar. „Mit der Kamera traue ich mich nicht mehr in die Menge. Wir werden angepöbelt, haben immer einen Wachmann bei uns.“

Keine einfache Aufgabe für den Reporter, dessen Aufgabe es ist zu „re-portieren“, „zurück-zu-bringen“ für seinen Hörer, Zuschauer oder Leser, was tatsächlich passiert ist. Nicht objektiv und einseitig sei die „Lügenpresse“. Sie berichte nicht, was er als Realität empfinde, sagt einer der Pegida-Anhänger. „Realität zu empfinden, ist auch nicht die Aufgabe eines Reporters“, möchte ich antworten. „Er hat nachprüfbare Fakten zu reportieren.“

Auch zu meinem beruflichen Ethos als Pfarrerin und Redakteurin gehört: Ich verpflichte mich umfassend, objektiv und wahrhaftig zu berichten. Andere mit Worten zu diffamieren, gehört nicht dazu. Dass Fehler passieren können, räume ich ein.

Mir ist durchaus bewusst, dass „Lügenpresse“ ihre Wurzeln in protestantischer und katholischer Publizistik hat. Im 17. Jahrhundert sollte so der jeweils andere als unglaubwürdig dargestellt werden. Im 21. Jahrhundert wurde „Lügenpresse“ von der „Sprachkritischen Aktion“ zum „Unwort des Jahres 2014“ gewählt. In den Jahrhunderten dazwischen haben ganz unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen das Unwort zur Diffamierung genutzt.

Neu ist, dass heutzutage über soziale Medien bewusst Falschmeldungen verbreitet werden. Wer muss und kann das kontrollieren und unterbinden?

Umfassend, objektiv und wahrhaftig zu berichten, wie das funktionieren kann? Sprechen Sie mit Redakteuren! Die haben ihr Handwerkszeug gelernt. Nehmen Sie an Führungen in Sendern und Zeitungsredaktionen teil!

Thiel_Christa-200px Christa A. Thiel aus Dortmund ist Pfarrerin und Redakteurin.

6 Gedanken zu „„Lügenpresse“ – umfassend, objektiv und wahrhaftig

  1. Idi

    Einem aufwühlenden und selbstkritischen Diskurs stellen sich die meisten Kolleginnen und Koilegen in diesem Kontext grade. Besonders post-colognial. Diese Selbstkritik vermiss ich hier. Vielleicht deshalb, weil die System Religion und Medien zwei sehr unterschiedliche Ethik-Codices haben. Da müsste frau sich schon entscheiden und offen kommunizieren nach welchem Code sie ihr Corporate Publishing betreibt. So ist dieser Beitrag nicht nur Öl ins Feuer gießen, sondern einen Tanklaster über dem Lagerfeuer parken.
    Lügen-Leser Vorwürfe des alten Gate-Keeping-Establishments oder wie Spons Jan Fleischhauer es uns entgegenschleuderte: Nanny-Journalismus. Und das nach dem runden Bassin des Schweigens statt klarer Kante zu allem, was besonders Frauen in NRW um Silvester umtreibt. Im 17. Jahrhundert (echt jetzt?) Was er übrigens auch die Staatskirche, die die freie Presse mit „Lügenpresse“ diskreditierte, kaum vierhundert Jahre später steht die Kirche immer noch gegen die freie Meinungsäußerung, kommentiert mir dieser Aufschrei. War das so gemeint?

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    1. Christa A. Thiel

      Sehr geehrte Idi,
      irritiert habe ich Ihren Kommentar zur Kenntnis genommen. Ich bin unsicher, ob ich ihn richtig verstanden habe. Deshalb nur Dreierlei meinerseits zu Ihren Ausführungen:
      1. Wahrhaftig sein, gehört zum Ethik-Codex sowohl der Presse als der Kirche. Das schließt Diffamierungen aus.
      2. Journalistisches Handwerkszeug und journalistisches Arbeiten ist nicht identisch mit PR-Arbeit.
      3. Der freien Meinungsäußerung und der Pressefreiheit ist ein gesetzlicher Rahmen gesetzt. Das wird in der Öffentlichkeit oft übersehen, beispielsweise dürfen andere nicht verleumdet werden.

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      1. idi

        „Nach der Wahrheit die Werbung“ – Niklas Luhmann
        Systemtheoretisch arbeiten die Subsysteme Medien und Kirche mit sehr unterschiedlicher Codierung, Sie stecken in dem Dilemma: nach welchem arbeiten Sie? Information/Nichtinformation ist die Leitdifferenz des Medien-Subsystems. Mit der „Wahrheit“ ist es hier so eine Sacher…und deshalb befinden wir uns in einer existentiellen Selbstreflexion: was bedeutet die Sorgfaltspflicht nach der digitalen Revolution?
        Beispiel: der Begriff „Lügenpresse“ ist erst im 19. Jahrhundert nachgewiesen. Denn terminologisch taucht auch dann erst die „Presse“ auf. Haben Sie also in Ihrem Artikel gelogen? Ich interpretiere: nein. Sie waren nur nicht sorgfältig informiert.
        Sie lassen uns auch nicht wissen, welchen Pegida-Anhänger Sie in welchem Kontext interviewt haben. Oder, ob überhaupt. Dabei wäre es dringend nötig grad in Dortmund-zum Schutz unserer Kolleginnen, die dort mit Morddrohungen aus diesem Umfeld leben müssen, wenn mehr Redaktionen wie die ruhrbarone hier im Informationsgeschäft wären.
        Sie kommunizieren: Ihr seid alles Lügen-Leser, wenn ihr uns kritisch hinterfragt. Ich verbiete Euch, uns zu diffamieren. Dafür bekommt ihr ein bissl Werbe-Event und wir führen euch in unserem Gate-Keeping-Palast herum, bis euch diese kritischen Flausen aus dem Kopf gehen.
        Leser sind keine Kinder in Disneyland. Entweder kommunizieren unsere Texte (Filme whatever), dass wir nicht lügen. Oder der Rezipient hat das Recht uns nicht zu glauben. Und in diesem Neuland eben auch zu kritisieren. Ich verstehe aus ihrem Text: das spreche ich euch Lesern ab. Und das ist für mich wiederum eine gefährliche gesinnungsethische Haltung, die allen Journalisten schadet.

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  2. Thomas Sohst

    Wer legt fest – was ist Wahrheit? – was ist Lüge?
    Meine Erwartung an Redakteure im Fernsehen und an Redakteure der schreibenden Presse ist das Bemühen um umfassende, pro und kontra berücksichtigende Berichterstattung. Das ist in einer sich schnell bewegenden Welt nicht einfach, denn wann ist der Zeitpunkt, da ich umfassende Informationen habe? Hinzu kommt der Druck für viele Produkte zu bestimmten Zeitpunkten abliefern zu müssen. Die Tagesschau beginnt um 20:00 Uhr.
    Das Bemühen um eine so geartete Berichterstattung ist für mich bei vielen erkennbar. Dafür mein aufrichtiger Dank.
    Manche Menschen glauben, dass das was sie in den sozialen Medien erleben, Teil von Pressearbeit ist. Ich stelle für mich fest: ich nutze andere Quellen, wenn ich mich umfassend informieren will.
    Wer versucht zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, ist auch selbst verantwortlich. Wer einer möglichen Lüge auf den Leim geht, muss sich selbst fragen, ob er verschiedene Quellen ausgewertet oder nur einigen wenigen vertraut hat.
    „Wer schreit hat häufig unrecht!“ – das hat mein Vater mir beigebracht, und meine Erfahrung: er hat recht. Und ich füge hinzu: „… und verändert nichts!“
    Deshalb: wer darauf hofft, dass sich hinsichtlich Wahrheit und Lüge etwas verändert, wenn -wer auch immer- die politische Verantortung in DEU übernimmt, hofft vergeblich.
    Wenn Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit eingeschränkt wird und damit dann scheinbar nur die Wahrheit verbreitet wird, dann wird es gefährlich. Das nennt man Diktatur. Das wäre dann die Konsequenz.
    … wer Berichterstattung glaubt durch Gewalt beeinflussen zu können, entfernt sich vom demokratischen Konsenz. Das halte ich für betrüblich. Das halte ich für gefährlich – in DEU, in Europa und darüber hinaus.

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  3. Heinz-Hermann Haar

    Schade, dass das sehr ernste Anliegen von Frau Thiel mit intellektueller Spitzfindigkeit zugedeckt wird. Wenn es Pegida und AFD gelingen sollte, in den Köpfen einer großen Anzahl von Menschen nicht nur diesen Begriff, sondern den dahinterligenden Angriff auf unsere Demokratie zu etablieren, hat Demokratie eine scharfe Waffen gegen Vorurteile und Rassismus verloren. Wenn es gelingt, Presse als Lügenpresse zu diffamieren, kommen wir mit Aufklärung und Fakten nicht mehr sehr weit, weil ja alles gelogen ist.
    Zu überlegen, wie wir dem entgehen können, so lese ich den Beitrag, das ist den Schweiß der Edlen wert. Dazu würde ich gerne was lesen in den Antworten.
    Intellektuelle Selbstbefriedigung führt hier nicht weiter.

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    1. Idi

      Herr Haar, das Problem sind doch grade Artikel wie dies, die das -publizistische- Wort als demokratische Waffe untauglich machen. Gestandene Redakteure bekennen: „Ich fürchte wir sind nicht ausreichend ehrlich mit uns und schlimmer noch, nicht mit unserem Publikum“ (Georg Mascolo, Ex-Spiegelredakteur, jetzt Rechercheverbund NDR/WDR/SZ zu finden auf meedia) , Frank Lübberdings Altpapier-Beitrag „Wahrheit und Lüge“ (ist sogar das Medienblog der evangelischen Kirche), Stefan Niggemeier bei Übermedien.
      Und Frau Thiel spuckt ihnen allen in die Suppe und verteilt Opium fürs Lügenleser-Volk?

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