Von der Unmöglichkeit nicht zu wählen – zu wenig Auf- und Ankreuzen bei der Kirchenwahl 2016

Es ist Wahl und keiner bekommt es mit. So scheint es, wenn man sich die Ergebnisse und den Umgang mit der kürzlich stattgefunden Wahl für die Presbyterien anschaut. – Von Frank Pientka

Kirchenwahl_800

Mitgestalten in der Presbyteriumssitzung – das wollen immer weniger.

Die Freude, dass sich immer noch viele Ehrenamtliche als Presbyter zur Verfügung stellen, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass immer weniger und vor allem immer weniger neue Menschen sich dafür finden lassen. So ist es nicht verwunderlich, dass für viele Gemeindemitglieder eine Kirchenwahl in der Evangelischen Kirche von Westfalen gar nicht stattgefunden hat. Viele kennen ihre Gemeindeleitung gar nicht. So wird die Entstehung von immer mehr Parallelwelten in der Kirche gefördert. Gemeindeleitung wird zu einem „closed shop“.

Dabei wäre eine echte Wahl eine gute Möglichkeit, um sich über Ziele und Aufgaben von Gemeinde und Kirchenleitung auseinanderzusetzen oder zur Mitarbeit einzuladen.

Immer seltener finden echte Wahlen in Gemeinden statt

Doch leider wird diese Gelegenheit von immer weniger Gemeinden und Gemeindemitgliedern genutzt. In vielen Gemeinden hat seit mehreren Generationen keine Wahl mehr stattgefunden und das Wissen, wie und warum eine Wahl stattfinden sollte, ist kaum mehr vorhanden. Das hat zur Folge, dass dieses Jahr sogar in mehreren Kirchenkreisen in keiner einzigen Gemeinde eine Wahl stattgefunden hat. Dabei haben die Wahlmöglichkeiten nicht nur auf Gemeinde, sondern auch auf anderen Ebenen abgenommen. Für viele Posten in der Gemeinde oder für Pfarrstellen, gibt es immer öfters nur so viele Kandidaten, wie Stellen; was eine Wahl eigentlich obsolet macht.

Das hat gravierende Auswirkungen auf die synodalen Gremien, die immer weniger direkt gewählt werden, immer mehr vergreisen und so den Kontakt mit der Gemeindebasis immer mehr verlieren. Allein das sollte ein großer Grund zu Sorge sein, da die Evangelische Kirche von Westfalen ja eigentlich von unten nach oben aufgebaut ist.

Einige andere Landeskirchen haben es zumindest geschafft, den Trend einer schwindenden Wahlbeteiligung zu stoppen und immerhin stabile Wahlbeteiligungen im durchschnittlich zweistelligen Bereich zu erzielen.

Chancen der Kirchenwahlen für Gemeinden

Einige Gemeinden in Westfalen leisten sich den Luxus einer offenen und regelmäßigen Feedbackkultur zu ihren Gemeindemitgliedern, was sich auch positiv in der Wahlbeteiligung niederschlägt. Gerade für diese, oft kleinen, Gemeinden, sind Wahlen nicht nur nötige Last, sondern eine gute Möglichkeit, um über Ziele und Aufgaben von Leitung zu diskutieren und abzustimmen. Insofern kann man sich für diese Gemeinden freuen, die verstanden haben, die Chance der Kirchenwahl 2016 für sich zu nutzen. Gerade dort, wo gezielt Jungpresbyter-Kandidaten aufgestellt wurden oder die wahlberechtigten Konfirmanden eingebunden wurden, konnten wichtige Jung- und Erstwähler gewonnen werden.

Weil es in Zukunft immer wichtiger, aber auch schwieriger wird, Ehrenamtliche zum Mitmachen zu bewegen, sind Wahlen für die Zukunft von Gemeindearbeit wichtig, um die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.
Immerhin hat die EKD das Thema Ehrenamt als Zukunftsthema identifiziert und lädt zu einem offenen Diskurs dazu ein.

Hier würden sich die wählenden Gemeinden von der Kirchenleitung eine stärkere finanzielle Unterstützung, ein vereinfachtes Wahlverfahren und die Möglichkeit zur elektronischen Briefwahl wünschen. Vom Evangelium sollten wir wissen, wie wichtig eine gute Kommunikation und Partizipation aller ist.

FrankPientka2_neu_sw_150Frank Pientka, seit 2004 gewählter Presbyter in Ergste bei Schwerte und Synodaler im Kirchenkreis Iserlohn.

2 Gedanken zu „Von der Unmöglichkeit nicht zu wählen – zu wenig Auf- und Ankreuzen bei der Kirchenwahl 2016

  1. Heinz-Hermann Haar

    Lieber Mitpresbyter Pientka,
    ich bin jetzt in der 2. Wahlperiode im Presbyterium unserer Gemeinde im Münsterland. Ich bin auch nicht mit Wahlzettel gewählt, sondern demokratisch dadurch ins Amt gekommen, dass unsere Gemeinde nach der Vorstellung aller Kandidaten keinen Widerspruch eingelegt und auch keine weiteren Vorschläge gemacht hat. Auch das ist eine demokratische Legitimation von unten.
    Ich sehe jedenfalls daran nichts Undemokatisches, wenn viele an diesem Findungsprozess aktiv teilgenommen haben.

    Auch an anderer Stelle wäre ich zurückhaltender. Es müssen nicht immer gleich die Lichter lutherischen Glaubens ausgepustet werden, wenn etwas nicht so läuft, wie man es sich wünschen würde. Ich halte es z.B. für Panikmache bei diesem Verfahren gleich die Vergreisung ganzer Presbyterien oder deren raumschiffartige Entfernung von allen anderen Gemeindegliedern zu beschören. Es soll vorkommen, dass Presbyter im Gotttesdienst sind und mit Gemeindegliedern einfach reden und Rückmeldungen und Hinweise bekommen.

    Unsere Gemeinden sind so wie sie sind und ein Presbyterium kann sich ja keine Gemeinde wählen, wenn ihnen die eigene Gemeinde nicht immer zur Wahl folgt.
    Unaufgeregt arbeiten für die Gemeinde, andere anregen und sich freuen, dass vieles geschieht, auch wenn wir uns nicht den Ehrenkranz „Gewählt“ umhängen können. Die Gemeinde wird wissen, warum sie so agiert. Vielleicht sind sie ja zufrieden mit der Arbeit derer, die sie tun.

    Antworten
  2. Idi

    „Potentiale vor Ort“- das erste(!) Gemeindebarometer des SI kommt zu einem komplett anderen Ergebnis: wir haben mehr als andere Vereine und Parteien sehr engagierte und gebildete Menschen vor Ort, die sich engagieren. Sie sehen nur immer weniger Sinn darin, das in einem Gremium „simulierter Demokratie“ (Matthias Burchardt) zu tun, das die „Gemeinde-Verächter“ in der EKD (Herbert Dieckmann im Pfarrerblatt 3/2016) sukzessive entmachten. Immer weniger Entscheidungsfreiheit in Finanz- und Personalangelegenheiten. Immer mehr EKD und LKA-Bevormundung. Diese Protestanten, die jahrzehente von den Gemeinde-Verächtern als „milieuverengt“ und inkompetent beschimpft wurden, arbeiten lieber als Volunteers in anderen Gemeindekreisen, als einer Kirchenkreis-Kirche freiwillig und unbzahlt die Mitglieder zu halten.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.