Dümmlich, nackt und willig? Sexismus in der Werbung

Wir sitzen beim Frühstück, ich schlage die Zeitung auf, eine Werbung fällt raus. Eine junge Frau mit breitem Mund und großen Brüsten grinst mich an. Die Frau trägt eine schwarze Brille. Daneben der Satz: „Jetzt zum Sehtest!“ – Nicole Richter über Sexismus in der Werbung

Besonders frauenfeindliche Werbung: TERRE DES FEMMES vergibt dafür den  „Zornigen Kaktus". Bild: © TERRE DES FEMMES

Besonders frauenfeindliche Werbung: TERRE DES FEMMES vergibt dafür den „Zornigen Kaktus“. Bild: © TERRE DES FEMMES

„Komisch“, sagt meine Tochter, „Wieso Sehtest? Den Busen sieht man doch auch ohne Brille!“ „Genau!“, denke ich und versuche mich über diesen Sexismus in der Werbung nicht aufzuregen. Ich muss schließlich ins Büro.

Auf meinem Weg dahin wandert mein Blick zu drei Plakatwänden. Drei Frauenpo`s in knappen Bikinihöschen mit Sand überzogen. Ja, sexy. Aber kann es wahr sein, dass ich an jeder Ecke mit sexistischer Werbung konfrontiert werde? Nichts gegen schöne Bilder, aber ich haben keine Lust mehr auf solche: Frauen, die sich als dümmlich, nackt und willig präsentieren. Und ich werde sicher auch nicht meine nächste Reise auf der Webseite buchen, die die Marketingstrategie „Sex sells“ unterstützt. Ich fordere ein Verbot von Werbung, in der Frauen zum sexuellen Objekt reduziert werden. Ich will auch keine Werbung, die Männer als muskulöse, unfähige Protz-Typen darstellt. Solche Bilder prägen sich ein und sie verändern uns.

Eine internationale WHO-Studie zeigt: Jedes zweite 15-jährige Mädchen findet sich zu dick. Bei den Jungen ist es jeder dritte– selbst wenn sie objektiv gar nicht übergewichtig sind. Ein negatives Körperbild könne sich ungünstig auf das Wohlbefinden auswirken und sogar Essstörungen verursachen, meint das Forschungsteam. Von der Verfestigung klischeehafter Rollenbilder mal ganz zu schweigen.

Wer sich gegen sexistische Werbung wehren will, kann eine Beschwerde an den deutschen Werberat schicken. Den gibt es seit 1972. Er besteht aus 41 Organisationen aus Handel und Wirtschaft, die sich selbstverpflichtet haben, einen Werbekodex zu wahren. Sinnvoll und wichtig, denn die Bilanz zeigt: Der Vorwurf der Frauenherabwürdigung und -diskriminierung ist konstant hoch! Acht Rügen hat der Deutsche Werberat wegen geschlechterdiskriminierender Werbung im ersten Halbjahr 2015 an Unternehmen ausgesprochen. Doppelt so viele wie im Vorjahr. Positiv sei jedoch, so die Geschäftsführerin Julia Busse, dass gerügte Unternehmen in der Regel kein weiteres Mal auffällig werden.

Ihr Wort in Gottes Ohr. Um mit Luther zu sprechen: Hier stehe ich und kann nicht anders. Ich habe jedenfalls beschlossen, besagte zwei Werbeanzeigen beim Werberat zu melden. Mal sehen, was passiert.

Nicole Richter

Nicole Richter, Diplom-Sozialpädagogin und Fachjournalistin, arbeitet als Fachbereichsleiterin im Frauenreferat der EKvW in Schwerte-Villigst. Sie verfasst regelmäßig Radioandachten für WDR2

 

 

Zum Weiterlesen:
Der Marlboro-Mann ist tot – Sexismus in der Werbung: Männer
#Istandup: Starke Kampagne gegen Sexismus in der Werbung
Heiko Maas will Verbot sexistischer Werbung
„Der zornige Kaktus“TERRE DES FEMMES hat in diesem Sommer zum zweiten Mal den „Zornigen Kaktus“ für besonders frauenfeindliche Werbung verliehen. Diesjähriger Preisträger der Negativ-Auszeichnung ist eine Anzeige des Online-Unternehmens „Karrierestrategen“. Es wirbt mit dem Hinterteil einer Frau für kostenlose Bewerbungschecks.

3 Gedanken zu „Dümmlich, nackt und willig? Sexismus in der Werbung

  1. Janis Joplin

    Die Erdoganisierung der Republik?
    Wie war das noch mit der Freiheit der Kunst und der Meinung? Genau, gegen muslimische Staatschefs muss sie bis weit unter die Gürtellinie verteidigt werden. Und immer ad hominem und seinen kleinen Unterschied.
    Aber in unserem demokratischen Rechtsstaat Kunst- und Meinungsfreiheit ge-maas-regelt.Durch einen Minister, der uns zwar fröhlich ausspionieren lassen will und nichts von Daten- oder Persönlichkeitsschutz hält, aber die Bevormundung freier Bürger staatlich unter Schutz stellen will. Beraten von Lobby-Gruppen, die ihrerseits klischeehafte Rollenbilder in diesem Fall von Feministinnen -Pink ist die Todsünde- kulturieren. Danke, liebe Prinzessinnenreporter für Euer hoheitsvolles Veto! Und der selbst das Klischee-Image einer sexistischen Stereotype zur Schau stellt.
    Frauen im 21. Jahrhundert sind durchasu selbst fähig, ihre Rollenbilder zu wählen. Und das mit der blöden Werbung regelt der Markt in einer bis in die Kirchen hinein durchökonomisierten Gesellschaft. Und nein, weder Models noch Statuen verhüllen hilft testosteron- und promillgesteuerte Kerlen bei der Integration.
    Wo bleibt der Protest der Freie-Liebe-und freie Brüste-Anhänger, 68er und Altfemininistinnen? „In a world full of Kardashians und Mass – be a Janis (Joplin)“ Wo bleiben die Kämpferinnen für Meinungsfreiheit?
    Zu bestimmen, was sexistisch ist oder nicht, ist nicht Aufgabe des Staates, sondern der Gesellschaft.

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  2. Martin Rosowski

    Hallo Nicole Richter,
    Die Frage stellt sich schon: Worin besteht die tatsächliche sexistische Abwertung, in der Darstellung des weiblichen Pos bzw. der Brüste?
    Ich finde ihr Kern liegt in der Herabwürdigung von Männern zu sabbernden Triebwesen, die sich beim Anblick eines weiblichen Körpers zum Kauf von Produkten manipulieren lassen…!

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  3. Martin Albrecht

    Ich sehe in der Werbung ähnlich eine Diskriminierung der Männer. Dennoch bitte ich Infos, was bei der Klage herausgekommen ist.

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