In der Freundlichkeit einer Gummizelle erstickt unser Glaube

Wir feiern Konfirmationsgottesdienst und die Konfirmanden, und auch manche ihrer erwachsenen Freunde, schreiben währenddessen – kaum versteckt – WhatsApp oder sehen youtube auf ihren Smartphones.

Erstmal ein Foto machen und mit den Freunden teilen...

Erstmal ein Foto machen und dann noch ein Video gucken…

Wir feiern Taufgottesdienst. Plötzlich geht der fleißige Onkel, der ständig fotografiert, obwohl es anders abgesprochen war, nach vorne und bittet den Pfarrer, doch noch einmal das Taufwasser über das Kind zu gießen. Gerade sei leider Gegenlicht gewesen.
Wir wollen die Hochzeit eines netten jungen Paares feiern. Nun hat es ausdrücklich als Musik zum Einzug „We are the champions“ von Queen erbeten. Ohne ging gar nicht.

Diese Szenen eines Gottesdienstes stammen aus keiner Comedy-Sendung bei RTL. Auf solche Absurditäten kommt nur das wahre Leben selber.

Um nicht gleich uns selber anzuklagen, verlass ich mich auf einen gestandenen Gewährsmann kirchlichen Lebens, sogar ausgezeichnet mit dem Predigtpreis: Fulbert Steffensky schreibt über einen Traugottesdienst, den er gehalten hat:
„Während der Trauung sah ich, dass der Enkel las, und ich fragte ihn nachher, was er gelesen habe. Einen Krimi, sagte er mir. Mit meiner Liberalität habe ich dann geschwiegen und gelitten, und nachher dachte ich, was tue ich eigentlich diesem Menschen an, wenn ich mich ihm nicht zeige, wenn ich nicht sage, was ich davon halte. Wie soll er stark werden, wenn er mich immer mit der Freundlichkeit einer Gummizelle erlebt? Und ich sagte zu ihm: „Es war feige und respektlos. Du hast nicht respektiert, was anderen wichtig ist, und du warst feige, draußen zu bleiben, wenn es dir nichts sagt.“ Später hatten wir ein sehr schönes und ernsthaftes Gespräch darüber. Was hätte ich ihm verweigert, wenn ich geschwiegen hätte. Es ist eine große Gefahr von uns Alten, dass wir von den Jugendlichen geliebt werden wollen.“

Wovor haben wir eigentlich Angst?

Ich denke, dass wir in den drei Beispielen zu Anfang auch geschwiegen hätten. Gilt dafür auch die Frage Steffenskys: „Was haben wir den Menschen verweigert, weil wir geschwiegen haben?“
Gilt auch die Frage: „Ist es eine große Gefahr von uns Christen, dass wir von allen geliebt werden wollen? Bis zur Unkenntlichkeit unseres Glaubens.“
Was geschähe denn, wenn der Pfarrer seine Predigt unterbräche und die Jugendlichen bitten würde, die Smartphones auszumachen?
Was geschähe denn, wenn der Pfarrer sich weigern würde, die Taufe zum Event fürs Familienalbum degradieren zu lassen? Und keine Slowmotion der Taufe anbieten würde.
Was geschähe denn, wenn der Pfarrer und die Gemeinde es ertragen würden, dass das Paar sich nicht kirchlich trauen lässt, wenn es nicht mit dem Song „We are the champions“ einziehen dürfte?

Wovor haben wir da eigentlich Angst, wenn wir die Freundlichkeit einer Gummizelle verlassen und sagen würden: „Hier ist eine Grenze, jenseits der so viel von dem verraten wird, was mir und uns als Christen wichtig ist, dass ich nicht bereit bin, sie zu übertreten.“

Schon beim Schreiben stockt mir fast der Atem vor so viel Tollkühnheit.

annette_doerstel_200Annette Dörstel hat an einer Realschule Sport und katholische Religion unterrichtet. Nach der Schulzeit arbeitet sie ehrenamtlich im Krankenhausbereich und in der ökumenischen Arbeit ihrer Kirchengemeinde.

7 Gedanken zu „In der Freundlichkeit einer Gummizelle erstickt unser Glaube

  1. Markus Stibert

    Man muss da sicherlich an einigen Stellen Milde walten lassen. Als Öffentlichkeitsarbeiter twittere oder poste ich für die Facebookarbeit aus den Gottesdienste. Da ist es natürlich machmal schwierig wenn der normale Besucher dies nicht dürfen soll. Daher meine persönliche Richtlinie: Alles was den Gottesdienst aktiv stört muss unterbleiben. Also z.B. ein Blitzlicht oder natürlich auch ein Eingriff in den Verlauf. Wenn aber hinten oder auch seitlich jemand steht, dann ist das leider so. Aus meiner Sicht dürfen wir uns den neuen Medien nicht verschließen. Das Nutzerverhalten der jungen Menschen ist anders als unseres.

    Das andere sind natürlich schon starke Dinger. Wer heute Videos im GD schaut ist natürlich respektlos. Zum anderen habe ich schon vor 20 Jahren Presbyter beim anschauen einer Werbebelage aus einer Zeitung im Gottesdiensten erleben dürfen.

    Zur Liedgutproblematik erlaube ich mir keine Meinung. Wenn ein weltlicher Titel auf der Orgel gespielt werden kann ist das für mich durchaus eine ordenliche Sache.

    Anmerkung: dies ist eine persönliche Meinung und muss nicht automatisch Meinung unseres Gemeindeverbandes sein.

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  2. Klaus-Uwe Nommensen

    Ich bin dafür, deutlich Grenzen zu ziehen. Das ganze hat nichts mit Milde walten lassen zu tun. Ansonsten verkommen wir zu Eventhanseln, mit denen man’s ja machen kann. Ich wünschte mir, so angemessen reagieren zu können wie Fulbert Steffensky, vor allem wenn sich daraus noch ein langes Gespräch ergeben hat. Vielleicht können wir ja so zu bedenken geben, warum wir zusammenkommen und feiern.

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  3. Hartmuth Stamm

    Ich denke, es ist die falsche Frage. Für mich geht es nicht um Geliebtwerden, sondern um Respekt. Die genannten Beispiele habe ich so oder ähnlich auch schon erlebt.
    We are the Champions? Kein Problem! Ein wunderbarer Einstieg für eine Traupredigt: ja, Ihr seid die Champions! Ihr habt gefunden, wonach viele Menschen sich sehnen. … Aber an einer Stelle möchte ich widersprechen! No time for loosers? Christlicher Glaube nimmt auch Verlierer ernst. Und gerade dann, wenn Ihr Gefahr läuft, einander zu verlieren, will Gott bei Euch sein, Euch helfen, trösten und tragen …
    Und nochmals das Wasser über den Täufling gießen, wer denkt da nicht an Luthers „täglich neu aus der Taufe kriechen“? Ist das nicht ein von Gott geschenkter Kairos, die Taufgemeinde damit vertraut zu machen?
    Einen Konfirmanden, der sich während des Gottesdienstes angeregt mit seinem Nachbarn unterhält, frage ich nach dem Gottesdienst unter vier Augen: „hast Du auch nur einmal erlebt, dass ich Dir nicht genau zuhöre, wenn Du sprichst?“ Meine Konfirmanden und meine Schüler haben diesen meinen Respekt vor ihnen immer zu schätzen gewusst und schon nach kurzer Zeit mit Respekt für mich und füreinander beantwortet.

    Es geht nicht um Grenzziehungen. Es geht um nicht weniger als die Menschwerdung Gottes. Darum will ich mich „auf Teufel komm raus“ respektvoll auf meine Mitmenschen einlassen. Ich bin dankbar für die vielen Gelegenheiten, ein Stück IHRES Weges mit ihnen gehen zu dürfen. Und ich empfinde es als einen ungeheuren Luxus, dafür auch noch bezahlt zu werden.
    Ob sie mich deswegen lieben? Das ist belanglos! Interessant ist nur, dass Gott sie liebt und auch mich und dass wir einander davon erzählen! 😎

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  4. Gustav Adolf Priggen, Pfarrer i.R.

    Wir sollten nicht alles mit uns machen lassen. Wo einer Grenzen setzt, wird nicht genau festzusetzen sein, hängt davon ab, wie einer die Freiheit, zu der wir berufen sind, versteht. Wir hatten damals bei der Kirchenmusik Regelungen der Landeskirche, die wir manchmal nicht beachtet haben, manchmal hilfreich fanden. Mir war es bei großer Offenheit immer wichtig, meine eigene Identität nicht zu verraten. Hilfreich war dabei die Devise: „Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.“ Manches habe ich spontan nicht richtig gemacht. Wenn vorher oder nachher Gespräche möglich waren, bin ich meistens verstanden worden. Wenn nicht , habe ich mich unbeliebt gemacht. Es gibt die Möglichkeit des Dimissoriales, wenn ein Kollege bei einer problematischen Sache keine Probleme hat. Es geht auf keinen Fall, dass einer der beliebteste sein möchte.
    Glücklicherweise gab es damals noch keine Smartphones.

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  5. Heinz-Hermann Haar

    Sehr geehrter Herr Stamm,

    ich bin Ihnen so dankbar für Ihren Beitrag. Er bestätigt den vorliegenden Text mit jeder Zeile. Wenn ich das nämlich richtig verstehe, dann hat Frau Dörstel genau diese evangelische Fähigkeit, aus Unsinn noch Gold zu machen, gemeint, wenn sie von der widerstandslosen Gummizelle spricht. „We are the champions“ als Einstieg in die Predigt, weil die beiden wirklich champions sind, weil sie sich gefunden haben? Ich dachte immer die christliche Botschaft wäre, ihr seid von Gott gefunden und deshalb selig zu preisen? Dass sich zwei Menschen gefunden haben, ist auch schön, aber wohl kaum ein Grund, daraus eine Predigt zu machen.
    Zur Wiederholung des Taufvorganges kann ich sie gerne nach Münster einladen. Da zeig ich Ihnen dann die Käfige am Turm von St.Lamberti, in denen die Wiedertäufer elend verreckt sind. Nicht, dass ich mir diesen Umgang wieder wünsche, verstehen wir uns da nicht falsch.
    Aber nicht deutlich zu sagen: Nein. Taufe ist Taufe und kein Event, halte ich für falsch.
    Aber ich bewundere die Fähigkeit, mit dem Verweis auf Luther, auch daraus noch Wasser auf christliche Mühlen zu leiten. Es gibt aber auch erschlichene Wasserrechte, die dem Besitzer nicht recht sein können.

    Sie sagen, es gehe nicht um Grenzziehung. Ich sehe das anders. Genau das erwarten die Menschen von uns. Sie wollen wissen, wofür wir und die Kirche eigentlich stehen. Und dann gibt es Grenzen, über die ich nicht hinaus will.

    Sie schreiben: „Darum will ich mich „auf Teufel komm raus“ respektvoll auf meine Mitmenschen einlassen.“ Vielleicht steckt ja genau da der Teufel schon drin? Er braucht nicht mehr aus seiner Hölle zu kommen, er steckt schon in diesem Detail.
    Da wir das Volk der Dichter und Denker sind, sei dies noch mit Goethe abgesegnet.
    Faust Teil 1 „Vorspiel auf dem Theater“:
    „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
    Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
    Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!
    Solch ein Ragout, es muß Euch glücken“

    Mit freundlichen Grüßen aus Senden

    Heinz-Hermann Haar

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  6. Rainer Lange, Pfarrer i.R.

    „Goodbye My Love Goodbye“ (Demis Roussos) und „Anton aus Tirol“ (DJ Ötzi),
    zwei Beispiele aus meiner Praxis, die zum Beerdigungsgottesdienst gewünscht wurden.
    Mag es bei Wünschen zur Hochzeit auch eine Rolle spielen, mit der Musikwahl einen Gag zu landen, bei Beerdigungen ist das wohl nicht so. Die beiden Beispiele waren einfach die Lieblingslieder der Verstorbenen. Für das Trauergespräch gab es für mich zwei notwendige Gesprächsgänge.
    1. Welche Bezugspunkte gab es zwischen dem Verstorbenen und diesem Musiktitel? Wie sind diese Bezugspunkte für Trauer und Erinnerung relevant? Welche Themen können in die Ansprache mit aufgenommen werden?
    2. Welche Musik wird im christlichen Beerdigungsgottesdienst musiziert und gesungen? Welche Lieder gibt es zu den Themen Liebe, Abschied, Frohsinn?
    Beide Beerdigungen sind ohne die erwähnten Musiktitel ausgekommen.
    Ich denke, Aufgabe der Pastorinnen und Pastoren, ist Kommunikation. Dazu gehört Erklärung und Gespräch und Zeit. Einfacher ist es, alle Wünsche zu erfüllen, auch eine Art der Gesprächsverweigerung, bei der man am Ende als progressiv und zugewandt dazustehen scheint.
    Vielleicht wünsche ich mir für meine Beerdigung „Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse“ (Gottlieb Wendehals). Ich werd’s ja wohl nicht selber mehr hören können, aber auf den Predigteinstieg wäre ich schon gespannt.

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  7. Heinz-Hermann Haar

    Sehr geehrter Herr Pfr. Lange,
    vieln Dank für Ihren Kommentar. Cum ira et studio war meiner; Ihrer ist sine ira …. der Ihre. Auch die beiden gesprächsleitenden Fragen finde ich hilfreich. Danke.

    Ich möchte nicht auf Ihrer Beerdigung predigen, weil ich Ihnen noch ein langes Leben wünsche.
    Ich könnte mir aber eine Einleitung zu Ihrem Liedwunsch so vorstellen:
    „Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse“ das war der Wunsch unseres lieben Bruders als Beerdigungslied. Nur wer nicht tiefen sieht, versteht ihn nicht. Es geht ja nicht um Käse und um Löcher. Es geht um das Fliegen. Das Gefühl der Freiheit von aller Erdenschwere. Das war sein Wunsch gerade am Ende seiner Tage. Sich eben nicht wieder einreihen müssen in die ewige Polonaise nach Blankenese, wie das LIed weitergeht. Es war sein Lied, das für seinen Wunsch stand, Freisein, Loskommen, raus aus dem Trott. Nun hat Gott ihn heimgeholt in die ewige Freiheit seiner Kinder.“
    Mit freundlichen Grüßen

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