Archiv der Kategorie: Allgemein

Auf Wiederlesen!

Gut zweieinhalb Jahre lang war die Klare Kante mit Artikeln verschiedenster Art online. Wir haben uns über interessante Beiträge und Diskussionen gefreut. Trotzdem wird es Zeit für etwas Neues.

Das heißt kurz und knackig: Zum Jahresende machen wir hier dicht. Aber nicht für immer – im nächsten Jahr denken wir uns wieder etwas Neues aus.
Ob mit Diskussionen oder mehr sprituellen Impulsen, ob als bunter Bilderbogen oder mit spezielleren Themen, ob als Blog oder auf einer ganz anderen Plattform… das wird sich noch zeigen. Wir sind gespannt 🙂

Langweilig wird es im Jubiläumsjahr 2017 aber sicher nicht.

Es grüßt die Redaktion
Sabine Krause und Yvonne Kälbli

PS: Wir freuen uns übrigens über Anregungen und Ideen 🙂

Popularmusik in der Kirche

Über Geschmack kann man streiten – in der Regel ohne Ergebnis. Was die einen in den höchsten Tönen loben, ist für andere eine niveaulose Zumutung. Das gilt für Kleidung, für Raumgestaltung, für bildende Kunst und – ganz klar – auch für Musik! Gerne geht das „Nichtverstehen“ des jeweils anderen einher mit der Herabwürdigung desselben. Nun gut, vielleicht ist das ja menschlich. Aber es ist nicht besonders intelligent, denn wirklich bereichern kann uns doch nur die Vielfalt, auch und besonders, wenn sie Bereiche einschließt, die wir (bislang) nicht verstanden. – Von Hartmut Naumann

Harmonien, Grooves, Melodien und Sounds haben Generationen von Menschen geprägt. Bild: EKvW Gitarrentag 2016

Blues, Soul, Folk und Gospel… Bild: EKvW Gitarrentag 2016

Popularmusik in der Kirche? Selbstverständlich! Musik in der Kirche transportiert und reflektiert Glaubensangebote, Glaubenszeugnisse, manchmal zaghafte und manchmal kraftvolle spirituelle Erfahrungen. Wieso eigentlich sollen von dieser Aufgabe der Kirchenmusik bestimmte Stilrichtungen ausgeschlossen sein?

Popularmusik, das ist ein Sammelbegriff für die gewaltige musikalische Stilentwicklung der letzten 150 Jahre, deren wichtige Wurzeln spirituelle Erfahrungen verschleppter und versklavter Afrikaner in der „Neuen Welt“ sind. Neben den Spirituals sind es Blues, Soul, Folk und Gospel, die die Welt der Popularmusik stark prägen. Die musikalischen Anker dieser Musikformen, die Harmonien, Grooves, Melodien und Sounds haben Generationen von Menschen geprägt. Von fröhlich, leicht und heiter bis hin zu tieftraurig, fragend, tröstend und erhaben geht das Spektrum dessen, was diese Musik den Menschen, die sich ihr öffnen, geben kann. Und diese Menschen sind überall! Sie sitzen zu einem großen Teil auch in unseren Kirchenbänken und zwar in allen Generationen. Wer in seiner Jugend vom Rock’n’Roll eines Elvis Presley begeistert war, ist heute 60 Jahre älter, also ca. 75 Jahre alt. Wer von den Tönen der Beatles als 15-Jähriger berührt wurde, dürfte mittlerweile im Rentenalter sein. Das Gleiche gilt für diejenigen, die als Jugendliche „Oh happy Day“ hörten und mitsangen, den ersten weltweit erfolgreichen Gospelsong von 1969. – In allen Generationen sind Menschen mit Popularmusik berührbar. Wir sollten diese Musik richtig gut machen. Dann gehört sie zwingend in die Kirchenmusik und in unsere Kirche.

Letztlich ist es natürlich doch Geschmacksache. Wie mit der Kleidung und der bildenden Kunst. Nicht jedem ist Popularmusik wichtig – aber ganz ganz vielen!

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Kirchenmusikdirektor Hartmut Naumann ist Professor für Popularmusik und Prorektor an der Hochschule für Kirchenmusik Herford

 

 

Glaubensgut als Unterpfand

…oder: Warum die klassische Kirchenmusik Priorität haben muss

Seit mehr als 40 Jahren mache ich als Musiker mit Menschen in der Kirche Musik. Traditionelle Kirchenmusik. Ich liebe diese Musik, weil sie Worte in eine Form bringt, die sie für sich allein nicht haben. Vor allem die alten Choräle kommen mir manchmal vor wie ein Bauwerk, das ein genialer Architekt mit perfekten Proportionen zu einem Kunstwerk gemacht hat, das über sich hinausweist – auf den Himmel, auf Gott. –Von Martin Rieker

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…wenn Glaubenslieder zur Heimat werden. Foto: EKvW

Um diese Schönheit zu erkennen, ist es nicht nötig, dass wir Text und Melodien schon beim ersten Hören in Gänze verstehen oder sie uns merken können. Es muss  eben nicht immer alles einfach und eingängig sein. Ich sehe das in meinen Kinderchören: Die Kinder sind sehr empfänglich für alte Melodien und für alte Sprache, die für unsere Hörgewohnheiten sicher zunächst sperrig klingen, und sie nehmen die Texte erstmal einfach hin (z. B. „nun komm, der Heiden Heiland“). Sie müssen nicht alles mit dem Kopf verstehen, um Freude am Singen zu haben. Auf diese Weise werden sie vertraut mit dem Traditionsschatz unserer Kirche.

Im Laufe des Lebens entdecken Erwachsene dann, was die alten Kirchenlieder alles zu sagen haben. „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ oder „O Haupt, voll Blut und Wunden“ – das sind Lieder, die auf den ersten Blick altmodisch, vielleicht sogar überholt klingen, aber wer sie in einer Lebenskrise oder am Bett eines Sterbenden singen kann, bekommt einen ganz anderen Blick für ihre Bedeutung. Und andersherum gilt: Wenn uns in diesen Situationen Worte fehlen, kommen die Lieder zu uns und werden zu Gebeten.

Wie sehr diese Glaubenslieder zur Heimat werden, sehe ich im Altenheim, wenn ich mit dementen Menschen singe. Sie kennen alles noch auswendig, und ich habe das Gefühl, dass es sie glücklich und ruhig macht, die vertrauten Strophen zu singen. Sie finden darin Heimat.

Darum glaube ich, dass wir gerade mit der alten Kirchenmusik einen Schatz haben, in dem sich Glaubensäußerungen finden, die sich bewährt haben. Diesen Schatz müssen wir wohl hüten und die Liebe dafür immer neu entfachen. Ihn zu vernachlässigen und zugunsten neuer, „einfacher“ (billigerer?) Formen aufzugeben, wäre eine Katastrophe, die wir nie wieder gutmachen könnten.

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Kirchenmusikdirektor Martin Rieker ist Kantor in Halle/Westfalen und Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik in Herford

Für die Rückkehr des Stammtisches

Einsame, unzufriedene, neidische und sozial verkümmerte Menschen hat es vermutlich zu allen Zeiten gegeben. Menschen, die sich einfach nicht daran erfreuen können, dass sie gesund sind, ein Dach über dem Kopf haben, ein einigermaßen sicheres Einkommen und eine cappuccino-braune Schrankwand. Die eben keine tiefe Dankbarkeit darüber verspüren, dass ihre Kinder eine Schule besuchen können, dass sie ohne Angst an die Wahlurne gehen und so die nächste Regierung mitbestimmen können, dass sie behandelt werden, wenn sie krank sind, dass sie einmal oder mehrmals im Jahr nach Malle fliegen können und dass ihr Flachbildschirm vermutlich größer ist als Großmutters Kleiderschrank. Es gab vermutlich zu allen Zeiten diese Menschen, für die das Glas immer halbleer ist, die sich betrogen fühlen, und die glauben, dass sie immer zu kurz kommen.

Stammtisch. Bild: By Takeaway/ CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Stammtisch: Hier traf man sich… Bild: von Takeaway (Eigenes Werk)/ CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Und weil man daran so wenig ändern kann… wünsche ich mir die Rückkehr des Stammtisches!
Denn früher, da trafen sich diese Unzufriedenen in der Kneipe um die Ecke, tranken Bier, bestätigten sich gegenseitig ihr Elend – und, außer der bedauernswerten Bedienung, musste das, was in diesen Nörgel- und Meckerrunden so geboren wurde, niemand hören. Im Laufe eines Abends sank damals vermutlich das Niveau umgekehrt proportional zum Alkoholgehalt im Blut – und am Morgen danach sorgte ein gnädiger Blackout, verbunden mit einem mächtig brummenden Schädel dafür, dass die krudesten Gedanken dort blieben, wo sie hingehören – vergessen am Boden des Bierglases. Einen Leserbrief an die Zeitung hätten diese Menschen niemals geschrieben – zum einen, weil es ihnen vermutlich an der notwendigen Rechtschreibung gefehlt hat – und zum anderen, weil damals noch Mut dazu gehörte, einen Artikel mit dem eigenen Namen zu zeichnen.

Wichtige Funktion für unsere Gesellschaft

Und heute? Es gibt sie kaum noch, die Eckkneipen, und mit ihnen verschwunden sind auch die Stammtische, die ganz offensichtlich eine wichtige Funktion für unsere Gesellschaft und unser soziales Klima hatten. Ohne diesen geschützten Raum, dieses schwarze Loch für rassistische, frauenfeindliche, wehleidige, unzufriedene, pöbelnde, homophobe, hetzerische oder ganz einfach: herzlose Sprüche, suchen sich all diese Gedanken, die besser ungesagt blieben, die aber raus wollen, einen anderen Raum.

Stammtisch-Loser

Und dank der schönen, neuen Medien, dank un-sozialer Netzwerke und falsch verstandener Meinungsfreiheit, lassen uns die Stammtisch-Loser von damals nun an ihrem Wehklagen teilhaben. Sie posten in die Welt hinaus, was ihrer Meinung nach mal gesagt gehört. Besaufen sich nicht mehr am Bier, sondern an ihrem eigenen Hass, an ihrer Unzufriedenheit und an der großen Ungerechtigkeit, die ihnen angeblich das Glück verwehrt. Und draußen in der digitalen Welt – da gibt es dann endlich Bestätigung, von anderen Unzufriedenen, die das auch so sehen und die sich beeilen, in hanebüchener Rechtschreibung und noch viel schlimmerer Gesinnung Zuspruch zu schreiben. Die Feinde sind immer die gleichen: die da oben, die Fremden, die Anderen.

Und statt eines Brummschädels, Übelkeit und ein bisschen Scham gibt es am nächsten Morgen so viele Likes, dass man nun glauben könnte, das, was man da von sich gegeben hat, wäre wahr – weshalb man die Sprüche nun auch in der echten Welt versucht. Wo dann Politiker warten, die versprechen, dass die Welt einfach sei, wenn man sie nur in schwarz und weiß aufteilt. Wo sich selbst „seriöse“ Medien auf jede Unzufriedenheit stürzen und nun auch jedem Meckerkopf eine Bühne bieten – schließlich hat der Nörgler 500 Likes bekommen, es muss doch was dran sein. Und wo es immer schwieriger wird, eine unbequeme, eine differenzierte Sicht der Dinge einzufordern.

Der Stammtisch von damals – er hat keine Probleme gelöst, aber er schuf einen geschützten, windarmen Raum, wo aus einer kleinen, zornigen Flamme (frei nach Jakobus 3,6) nicht gleich ein Waldbrand entstehen konnte. Sie durfte kurz aufflammen – und dann erlosch sie wieder, ohne Sauerstoff von außen der Lebensgrundlage beraubt. Ich wünschte, es gäbe heutzutage mehr Windstille und weniger Brandbeschleuniger…

Nicole Schneidmüller-GaiserDiplom-Journalistin Nicole Schneidmüller-Gaiser,
Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im
Evangelischen Kirchenkreis Hattingen-Witten

 

 

Bildnachweis: „Stammtisch“ von Takeaway (Eigenes Werk)y/ CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

In der Freundlichkeit einer Gummizelle erstickt unser Glaube

Wir feiern Konfirmationsgottesdienst und die Konfirmanden, und auch manche ihrer erwachsenen Freunde, schreiben währenddessen – kaum versteckt – WhatsApp oder sehen youtube auf ihren Smartphones.

Erstmal ein Foto machen und mit den Freunden teilen...

Erstmal ein Foto machen und dann noch ein Video gucken…

Wir feiern Taufgottesdienst. Plötzlich geht der fleißige Onkel, der ständig fotografiert, obwohl es anders abgesprochen war, nach vorne und bittet den Pfarrer, doch noch einmal das Taufwasser über das Kind zu gießen. Gerade sei leider Gegenlicht gewesen.
Wir wollen die Hochzeit eines netten jungen Paares feiern. Nun hat es ausdrücklich als Musik zum Einzug „We are the champions“ von Queen erbeten. Ohne ging gar nicht.

Diese Szenen eines Gottesdienstes stammen aus keiner Comedy-Sendung bei RTL. Auf solche Absurditäten kommt nur das wahre Leben selber.

Um nicht gleich uns selber anzuklagen, verlass ich mich auf einen gestandenen Gewährsmann kirchlichen Lebens, sogar ausgezeichnet mit dem Predigtpreis: Fulbert Steffensky schreibt über einen Traugottesdienst, den er gehalten hat:
„Während der Trauung sah ich, dass der Enkel las, und ich fragte ihn nachher, was er gelesen habe. Einen Krimi, sagte er mir. Mit meiner Liberalität habe ich dann geschwiegen und gelitten, und nachher dachte ich, was tue ich eigentlich diesem Menschen an, wenn ich mich ihm nicht zeige, wenn ich nicht sage, was ich davon halte. Wie soll er stark werden, wenn er mich immer mit der Freundlichkeit einer Gummizelle erlebt? Und ich sagte zu ihm: „Es war feige und respektlos. Du hast nicht respektiert, was anderen wichtig ist, und du warst feige, draußen zu bleiben, wenn es dir nichts sagt.“ Später hatten wir ein sehr schönes und ernsthaftes Gespräch darüber. Was hätte ich ihm verweigert, wenn ich geschwiegen hätte. Es ist eine große Gefahr von uns Alten, dass wir von den Jugendlichen geliebt werden wollen.“

Wovor haben wir eigentlich Angst?

Ich denke, dass wir in den drei Beispielen zu Anfang auch geschwiegen hätten. Gilt dafür auch die Frage Steffenskys: „Was haben wir den Menschen verweigert, weil wir geschwiegen haben?“
Gilt auch die Frage: „Ist es eine große Gefahr von uns Christen, dass wir von allen geliebt werden wollen? Bis zur Unkenntlichkeit unseres Glaubens.“
Was geschähe denn, wenn der Pfarrer seine Predigt unterbräche und die Jugendlichen bitten würde, die Smartphones auszumachen?
Was geschähe denn, wenn der Pfarrer sich weigern würde, die Taufe zum Event fürs Familienalbum degradieren zu lassen? Und keine Slowmotion der Taufe anbieten würde.
Was geschähe denn, wenn der Pfarrer und die Gemeinde es ertragen würden, dass das Paar sich nicht kirchlich trauen lässt, wenn es nicht mit dem Song „We are the champions“ einziehen dürfte?

Wovor haben wir da eigentlich Angst, wenn wir die Freundlichkeit einer Gummizelle verlassen und sagen würden: „Hier ist eine Grenze, jenseits der so viel von dem verraten wird, was mir und uns als Christen wichtig ist, dass ich nicht bereit bin, sie zu übertreten.“

Schon beim Schreiben stockt mir fast der Atem vor so viel Tollkühnheit.

annette_doerstel_200Annette Dörstel hat an einer Realschule Sport und katholische Religion unterrichtet. Nach der Schulzeit arbeitet sie ehrenamtlich im Krankenhausbereich und in der ökumenischen Arbeit ihrer Kirchengemeinde.

Europa: In der Krise steckt die Chance

Eine Stimme für das „Friedensprojekt“ Europa!“ war einer der ersten Beiträge in der „Klaren Kante“. Wie sieht es jetzt, zwei Jahre später, aus? Annette Muhr-Nelson schaut zurück und nach vorn.

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Paris, Brüssel, die Terroranschläge in europäischen Metropolen erschüttern uns bis ins Mark. Allerorten ist Verunsicherung zu spüren. Kaum ein Fernsehabend ohne eine Talkshow oder ein Magazin zum Thema. Dabei werden Schwächen in der Vernetzung von Polizei und Geheimdiensten der verschiedenen europäischen Staaten bemängelt.

Idomeni, Lesbos, Lampedusa, Calais. Zäune in Osteuropa, die Wiedereinführung von Grenzkontrollen auch in Dänemark, das Rücknahmeabkommen mit der Türkei. Ein europäischer Flüchtlingsgipfel jagt den anderen.

Großbritannien stimmt am 23. Juni über den Verbleib in der EU ab. Ein Brexit könnte möglicherweise große Auswirkungen auf die europäische Währungsunion haben. Die nationalkonservativen Parteien und Strömungen erstarken in ganz Europa. In der Ukraine herrscht immer noch Krieg.

Die Europäische Union steckt in einer dicken Krise. Steht das „Friedensprojekt Europa“ vor dem Aus?

„Wir sind zutiefst erschüttert von den Ereignissen. Als Gesellschaften und auch als Kirchen müssen wir fest und geeint stehen“, sagte der Generalsekretär der GEKE (Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa), Bischof Dr. Michael Bünker, unmittelbar nach den Anschlägen in Brüssel. „Die Spaltung Europas durch Terroranschläge wie jene von Brüssel darf nicht gelingen.“

Was für die Terroranschläge gilt, gilt auch für die anderen Herausforderungen: Die Spaltung Europas darf nicht geschehen! Ruhe bewahren, einen kühlen Kopf behalten, gemeinsam nach Lösungen suchen, ist das Gebot der Stunde.

Wertelieferanten?!

Es stand Politikern schon immer gut an, weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Visionär und menschlich – so stelle ich mir europäische Politik vor; an einer Friedenslogik ausgerichtet, die ein auskömmliches Leben für alle zum Ziel hat.

Das mag naiv und weltfremd klingen. Ist es auch, solange damit gemeint ist: „Lasst uns so weitermachen wie bisher.“ – Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Die Appelle zu Toleranz und Offenheit reichen nicht mehr aus, den sozialen Frieden zu wahren.

Als Kirchen haben wir da lange genug mitgespielt, haben uns in die Rolle des Wertelieferanten für die Gesellschaft drängen lassen, haben getröstet und Pflaster auf die Wunden geklebt.

Jetzt ist es Zeit, deutlich zu machen, was Gerechtigkeit, Solidarität, wirklich heißt: Eine Transformation der Gesellschaft, eine Lastenverteilung zwischen Arm und Reich, eine komplette Änderung unseres Wirtschaftssystems.

Wenn wir es nicht aussprechen, wer dann: Die weltweiten Flüchtlingsströme und das Erstarken des Extremismus brechen nicht über uns herein wie Naturgewalten. Sie waren vorhersehbar. Sie sind logische Konsequenzen eines globalen ausbeuterischen Wirtschaftssystems, von dem wir in Europa lange genug profitiert haben.

Nur mit mutigen Schritten nach vorn können wir das überwinden. Zurück zum Nationalstaat ist keine Option. Europa hat schon viele Krisen gemeistert. Ich bin zuversichtlich, dass der Friedenswille und die Freiheitsliebe der Europäerinnen und Europäer nicht so leicht unterzukriegen sind.

Annette Muhr-Nelson

Annette Muhr-Nelson

Annette Muhr-Nelson ist Friedensbeauftragte der EKvW und Leiterin des Amtes für MÖWe

 

Der Marlboro-Mann ist tot

Der Marlboro-Mann ist tot. Wahrscheinlich an Lungenkrebs verstorben. Oder an Einsamkeit. Jahrzehntelang war er das Sinnbild für einen bestimmten Männertypus in der Werbung: der harte Cowboy am Feuer, allein in der Prärie, souveräner Herr über alle Gefahren. Vor einiger Zeit hat ihn Marlboro mitsamt Pferd aus dem Verkehr gezogen. Irgendwie schien seine Zeit wohl abgelaufen. Und so hat man ihn stillschweigend beerdigt. – Martin Treichel über Sexismus in der Werbung

Mann mit Männergrippe

Der Wick MediNait-Mann lebt. Aber es geht ihm schlecht. Er ist erkältet, liegt im Bett, leidet. Mit Wimmern in der Stimme, fleht er seine Frau an: „Kannst du meine Mama anrufen?“ Der Mann als ewiges Muttersöhnchen, wie ihn ein aktueller Werbespot präsentiert.

Vom „tough guy“ zur „Heulsuse mit Männergrippe“ – so hat sich das Männerbild in nur wenigen Jahren tiefgreifend verändert.

Ein Fortschritt? Wohl kaum. Es ärgert mich, dass sich alle Welt über „die Männer“ lustig machen darf. Dass es offenbar alle komisch finden, Männer lächerlich zu machen. Ganze Werbeagenturen und Textwerkstätten für Comedians scheinen davon zu leben, sich auf Kosten der Männer zu amüsieren. Und immer mit den gleichen Klischees, die den Mann wahlweise als komplett triebgesteuert oder total verblödet oder weinerlichen Jammerlappen darstellen.
Merke: Es gibt Sexismus, der sich gegen Frauen richtet. Der sie reduziert auf Beine, Bauch und Po. Und es gibt vielfältige Diffamierungen, die sich gegen Männer richten. Die mit platten und abwertenden Stereotypen arbeiten, mit Vorurteilen und Unterstellungen.

Ich will das eine so wenig sehen wie das andere. Mein Vorschlag: Könnte nicht der Marlboro-Mann mal beim Wick MediNait-Mann vorbeireiten, ihm das Kissen aufschütteln, einen Tee kochen und ordentlich den Kamin einheizen?

Martin TreichelMartin Treichel ist Landesmännerpfarrer und Leiter des Fachbereichs „Männer, Familie, Ehrenamt“ am Institut für Kirche und Gesellschaft der EKvW.

 

 

Zum Weiterlesen: Sexismus in der Werbung: Frauen

Dümmlich, nackt und willig? Sexismus in der Werbung

Wir sitzen beim Frühstück, ich schlage die Zeitung auf, eine Werbung fällt raus. Eine junge Frau mit breitem Mund und großen Brüsten grinst mich an. Die Frau trägt eine schwarze Brille. Daneben der Satz: „Jetzt zum Sehtest!“ – Nicole Richter über Sexismus in der Werbung

Besonders frauenfeindliche Werbung: TERRE DES FEMMES vergibt dafür den  „Zornigen Kaktus". Bild: © TERRE DES FEMMES

Besonders frauenfeindliche Werbung: TERRE DES FEMMES vergibt dafür den „Zornigen Kaktus“. Bild: © TERRE DES FEMMES

„Komisch“, sagt meine Tochter, „Wieso Sehtest? Den Busen sieht man doch auch ohne Brille!“ „Genau!“, denke ich und versuche mich über diesen Sexismus in der Werbung nicht aufzuregen. Ich muss schließlich ins Büro.

Auf meinem Weg dahin wandert mein Blick zu drei Plakatwänden. Drei Frauenpo`s in knappen Bikinihöschen mit Sand überzogen. Ja, sexy. Aber kann es wahr sein, dass ich an jeder Ecke mit sexistischer Werbung konfrontiert werde? Nichts gegen schöne Bilder, aber ich haben keine Lust mehr auf solche: Frauen, die sich als dümmlich, nackt und willig präsentieren. Und ich werde sicher auch nicht meine nächste Reise auf der Webseite buchen, die die Marketingstrategie „Sex sells“ unterstützt. Ich fordere ein Verbot von Werbung, in der Frauen zum sexuellen Objekt reduziert werden. Ich will auch keine Werbung, die Männer als muskulöse, unfähige Protz-Typen darstellt. Solche Bilder prägen sich ein und sie verändern uns.

Eine internationale WHO-Studie zeigt: Jedes zweite 15-jährige Mädchen findet sich zu dick. Bei den Jungen ist es jeder dritte– selbst wenn sie objektiv gar nicht übergewichtig sind. Ein negatives Körperbild könne sich ungünstig auf das Wohlbefinden auswirken und sogar Essstörungen verursachen, meint das Forschungsteam. Von der Verfestigung klischeehafter Rollenbilder mal ganz zu schweigen.

Wer sich gegen sexistische Werbung wehren will, kann eine Beschwerde an den deutschen Werberat schicken. Den gibt es seit 1972. Er besteht aus 41 Organisationen aus Handel und Wirtschaft, die sich selbstverpflichtet haben, einen Werbekodex zu wahren. Sinnvoll und wichtig, denn die Bilanz zeigt: Der Vorwurf der Frauenherabwürdigung und -diskriminierung ist konstant hoch! Acht Rügen hat der Deutsche Werberat wegen geschlechterdiskriminierender Werbung im ersten Halbjahr 2015 an Unternehmen ausgesprochen. Doppelt so viele wie im Vorjahr. Positiv sei jedoch, so die Geschäftsführerin Julia Busse, dass gerügte Unternehmen in der Regel kein weiteres Mal auffällig werden.

Ihr Wort in Gottes Ohr. Um mit Luther zu sprechen: Hier stehe ich und kann nicht anders. Ich habe jedenfalls beschlossen, besagte zwei Werbeanzeigen beim Werberat zu melden. Mal sehen, was passiert.

Nicole Richter

Nicole Richter, Diplom-Sozialpädagogin und Fachjournalistin, arbeitet als Fachbereichsleiterin im Frauenreferat der EKvW in Schwerte-Villigst. Sie verfasst regelmäßig Radioandachten für WDR2

 

 

Zum Weiterlesen:
Der Marlboro-Mann ist tot – Sexismus in der Werbung: Männer
#Istandup: Starke Kampagne gegen Sexismus in der Werbung
Heiko Maas will Verbot sexistischer Werbung
„Der zornige Kaktus“TERRE DES FEMMES hat in diesem Sommer zum zweiten Mal den „Zornigen Kaktus“ für besonders frauenfeindliche Werbung verliehen. Diesjähriger Preisträger der Negativ-Auszeichnung ist eine Anzeige des Online-Unternehmens „Karrierestrategen“. Es wirbt mit dem Hinterteil einer Frau für kostenlose Bewerbungschecks.

Wie geht es den Christen in Syrien?

Die Christen  in Syrien leben in einer ständigen Bedrohung. Es sind nicht nur die Anhänger des Islamischen Staates (IS), die Christen vertreiben, verschleppen und auf grausame Weise töten. – Von Dr. Christian Hohmann

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Auch andere islamistische Gruppen, wie z. B. die Al-Nusra-Front, terrorisieren die Christen: Mädchen und Frauen werden Opfer von Entführungen und sexueller Gewalt. Christliche Dörfer und Wohnviertel werden angegriffen, Kirchen und Klöster zerstört, allerdings auch durch die Truppen von Assad.

Dabei geht das Christentum in Syrien in frühchristliche Zeit zurück. In der Apostelgeschichte 13, 1-3 wird von der Gemeinde in Antiochien in Syrien berichtet. Leider haben nur wenige Christen in Westeuropa eine Vorstellung von der konfessionellen Vielfalt und dem Leben der Christen in Syrien.

Nach Angaben der Organisation „Kirche in Not“ lebten vor Ausbruch des Krieges noch 2,5 Millionen Christen in Syrien. Seither haben rund 700.000 Christen das Land verlassen. Viele der z. B. syrisch-orthodoxen Christen (Aramäer) aus dem Irak und aus Syrien sind in die Türkei geflohen. Dort werden sie z. B. im Umfeld der Klöster von aramäischen Christen versorgt. Doch auch hier werden Christen beruflich benachteiligt und als Minderheit diskriminiert. Daneben gibt es maronitische, chaldäische, römisch-katholische, melkitische, armenische und evangelische Christen, die aus ihrer syrischen Heimat fliehen, um ihr Leben zu retten. Denn der Krieg ist grausam und die Versorgungslage katastrophal.

Aber statt den Christen und anderen verfolgten Minderheiten zu helfen, schotten sich immer mehr europäische Länder generell gegen Flüchtlinge ab.

Diejenigen, die im Kriegsgebiet zurückbleiben, sind zumeist kranke und alte Menschen, einige Familien oder solche, denen die Mittel fehlen, um Schlepper zu bezahlen und die gefährliche Flucht anzutreten. Medienberichten zufolge haben sich inzwischen christliche Milizen gebildet, die den IS bekämpfen. Doch, während sich manche syrischen Kirchenführer eine Zukunft ohne Präsident Baschar-al-Assad nicht vorstellen können, wissen viele Christen vor Ort, dass das Assad-Regime für den Hass zwischen den einzelnen Konfessionen eine Mitverantwortung trägt und Gewalt auch gegen Christen verübt hat.

Hohmann_150Dr. Christian Hohmann, Regionalpfarrer des Amtes für MÖWe

Von der Unmöglichkeit nicht zu wählen – zu wenig Auf- und Ankreuzen bei der Kirchenwahl 2016

Es ist Wahl und keiner bekommt es mit. So scheint es, wenn man sich die Ergebnisse und den Umgang mit der kürzlich stattgefunden Wahl für die Presbyterien anschaut. – Von Frank Pientka

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Mitgestalten in der Presbyteriumssitzung – das wollen immer weniger.

Die Freude, dass sich immer noch viele Ehrenamtliche als Presbyter zur Verfügung stellen, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass immer weniger und vor allem immer weniger neue Menschen sich dafür finden lassen. So ist es nicht verwunderlich, dass für viele Gemeindemitglieder eine Kirchenwahl in der Evangelischen Kirche von Westfalen gar nicht stattgefunden hat. Viele kennen ihre Gemeindeleitung gar nicht. So wird die Entstehung von immer mehr Parallelwelten in der Kirche gefördert. Gemeindeleitung wird zu einem „closed shop“.

Dabei wäre eine echte Wahl eine gute Möglichkeit, um sich über Ziele und Aufgaben von Gemeinde und Kirchenleitung auseinanderzusetzen oder zur Mitarbeit einzuladen.

Immer seltener finden echte Wahlen in Gemeinden statt

Doch leider wird diese Gelegenheit von immer weniger Gemeinden und Gemeindemitgliedern genutzt. In vielen Gemeinden hat seit mehreren Generationen keine Wahl mehr stattgefunden und das Wissen, wie und warum eine Wahl stattfinden sollte, ist kaum mehr vorhanden. Das hat zur Folge, dass dieses Jahr sogar in mehreren Kirchenkreisen in keiner einzigen Gemeinde eine Wahl stattgefunden hat. Dabei haben die Wahlmöglichkeiten nicht nur auf Gemeinde, sondern auch auf anderen Ebenen abgenommen. Für viele Posten in der Gemeinde oder für Pfarrstellen, gibt es immer öfters nur so viele Kandidaten, wie Stellen; was eine Wahl eigentlich obsolet macht.

Das hat gravierende Auswirkungen auf die synodalen Gremien, die immer weniger direkt gewählt werden, immer mehr vergreisen und so den Kontakt mit der Gemeindebasis immer mehr verlieren. Allein das sollte ein großer Grund zu Sorge sein, da die Evangelische Kirche von Westfalen ja eigentlich von unten nach oben aufgebaut ist.

Einige andere Landeskirchen haben es zumindest geschafft, den Trend einer schwindenden Wahlbeteiligung zu stoppen und immerhin stabile Wahlbeteiligungen im durchschnittlich zweistelligen Bereich zu erzielen.

Chancen der Kirchenwahlen für Gemeinden

Einige Gemeinden in Westfalen leisten sich den Luxus einer offenen und regelmäßigen Feedbackkultur zu ihren Gemeindemitgliedern, was sich auch positiv in der Wahlbeteiligung niederschlägt. Gerade für diese, oft kleinen, Gemeinden, sind Wahlen nicht nur nötige Last, sondern eine gute Möglichkeit, um über Ziele und Aufgaben von Leitung zu diskutieren und abzustimmen. Insofern kann man sich für diese Gemeinden freuen, die verstanden haben, die Chance der Kirchenwahl 2016 für sich zu nutzen. Gerade dort, wo gezielt Jungpresbyter-Kandidaten aufgestellt wurden oder die wahlberechtigten Konfirmanden eingebunden wurden, konnten wichtige Jung- und Erstwähler gewonnen werden.

Weil es in Zukunft immer wichtiger, aber auch schwieriger wird, Ehrenamtliche zum Mitmachen zu bewegen, sind Wahlen für die Zukunft von Gemeindearbeit wichtig, um die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.
Immerhin hat die EKD das Thema Ehrenamt als Zukunftsthema identifiziert und lädt zu einem offenen Diskurs dazu ein.

Hier würden sich die wählenden Gemeinden von der Kirchenleitung eine stärkere finanzielle Unterstützung, ein vereinfachtes Wahlverfahren und die Möglichkeit zur elektronischen Briefwahl wünschen. Vom Evangelium sollten wir wissen, wie wichtig eine gute Kommunikation und Partizipation aller ist.

FrankPientka2_neu_sw_150Frank Pientka, seit 2004 gewählter Presbyter in Ergste bei Schwerte und Synodaler im Kirchenkreis Iserlohn.