Archiv der Kategorie: Soziales

Für die Rückkehr des Stammtisches

Einsame, unzufriedene, neidische und sozial verkümmerte Menschen hat es vermutlich zu allen Zeiten gegeben. Menschen, die sich einfach nicht daran erfreuen können, dass sie gesund sind, ein Dach über dem Kopf haben, ein einigermaßen sicheres Einkommen und eine cappuccino-braune Schrankwand. Die eben keine tiefe Dankbarkeit darüber verspüren, dass ihre Kinder eine Schule besuchen können, dass sie ohne Angst an die Wahlurne gehen und so die nächste Regierung mitbestimmen können, dass sie behandelt werden, wenn sie krank sind, dass sie einmal oder mehrmals im Jahr nach Malle fliegen können und dass ihr Flachbildschirm vermutlich größer ist als Großmutters Kleiderschrank. Es gab vermutlich zu allen Zeiten diese Menschen, für die das Glas immer halbleer ist, die sich betrogen fühlen, und die glauben, dass sie immer zu kurz kommen.

Stammtisch. Bild: By Takeaway/ CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Stammtisch: Hier traf man sich… Bild: von Takeaway (Eigenes Werk)/ CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Und weil man daran so wenig ändern kann… wünsche ich mir die Rückkehr des Stammtisches!
Denn früher, da trafen sich diese Unzufriedenen in der Kneipe um die Ecke, tranken Bier, bestätigten sich gegenseitig ihr Elend – und, außer der bedauernswerten Bedienung, musste das, was in diesen Nörgel- und Meckerrunden so geboren wurde, niemand hören. Im Laufe eines Abends sank damals vermutlich das Niveau umgekehrt proportional zum Alkoholgehalt im Blut – und am Morgen danach sorgte ein gnädiger Blackout, verbunden mit einem mächtig brummenden Schädel dafür, dass die krudesten Gedanken dort blieben, wo sie hingehören – vergessen am Boden des Bierglases. Einen Leserbrief an die Zeitung hätten diese Menschen niemals geschrieben – zum einen, weil es ihnen vermutlich an der notwendigen Rechtschreibung gefehlt hat – und zum anderen, weil damals noch Mut dazu gehörte, einen Artikel mit dem eigenen Namen zu zeichnen.

Wichtige Funktion für unsere Gesellschaft

Und heute? Es gibt sie kaum noch, die Eckkneipen, und mit ihnen verschwunden sind auch die Stammtische, die ganz offensichtlich eine wichtige Funktion für unsere Gesellschaft und unser soziales Klima hatten. Ohne diesen geschützten Raum, dieses schwarze Loch für rassistische, frauenfeindliche, wehleidige, unzufriedene, pöbelnde, homophobe, hetzerische oder ganz einfach: herzlose Sprüche, suchen sich all diese Gedanken, die besser ungesagt blieben, die aber raus wollen, einen anderen Raum.

Stammtisch-Loser

Und dank der schönen, neuen Medien, dank un-sozialer Netzwerke und falsch verstandener Meinungsfreiheit, lassen uns die Stammtisch-Loser von damals nun an ihrem Wehklagen teilhaben. Sie posten in die Welt hinaus, was ihrer Meinung nach mal gesagt gehört. Besaufen sich nicht mehr am Bier, sondern an ihrem eigenen Hass, an ihrer Unzufriedenheit und an der großen Ungerechtigkeit, die ihnen angeblich das Glück verwehrt. Und draußen in der digitalen Welt – da gibt es dann endlich Bestätigung, von anderen Unzufriedenen, die das auch so sehen und die sich beeilen, in hanebüchener Rechtschreibung und noch viel schlimmerer Gesinnung Zuspruch zu schreiben. Die Feinde sind immer die gleichen: die da oben, die Fremden, die Anderen.

Und statt eines Brummschädels, Übelkeit und ein bisschen Scham gibt es am nächsten Morgen so viele Likes, dass man nun glauben könnte, das, was man da von sich gegeben hat, wäre wahr – weshalb man die Sprüche nun auch in der echten Welt versucht. Wo dann Politiker warten, die versprechen, dass die Welt einfach sei, wenn man sie nur in schwarz und weiß aufteilt. Wo sich selbst „seriöse“ Medien auf jede Unzufriedenheit stürzen und nun auch jedem Meckerkopf eine Bühne bieten – schließlich hat der Nörgler 500 Likes bekommen, es muss doch was dran sein. Und wo es immer schwieriger wird, eine unbequeme, eine differenzierte Sicht der Dinge einzufordern.

Der Stammtisch von damals – er hat keine Probleme gelöst, aber er schuf einen geschützten, windarmen Raum, wo aus einer kleinen, zornigen Flamme (frei nach Jakobus 3,6) nicht gleich ein Waldbrand entstehen konnte. Sie durfte kurz aufflammen – und dann erlosch sie wieder, ohne Sauerstoff von außen der Lebensgrundlage beraubt. Ich wünschte, es gäbe heutzutage mehr Windstille und weniger Brandbeschleuniger…

Nicole Schneidmüller-GaiserDiplom-Journalistin Nicole Schneidmüller-Gaiser,
Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im
Evangelischen Kirchenkreis Hattingen-Witten

 

 

Bildnachweis: „Stammtisch“ von Takeaway (Eigenes Werk)y/ CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

15. Juni: Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen

Was die UN-Vollversammlung so an Welt-Gedenk-Tagen ausruft! „Gegen die Misshandlung älterer Menschen“ – das ist doch kein Thema in Deutschland…

…Stimmt. Man spricht nicht drüber.

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ABER: Im Jahr 2012 ergab eine Untersuchung der EU, dass in europäischen Ländern durchschnittlich drei bis acht Prozent der älteren Menschen (ab 60 plus) Misshandlungen erfährt.

In Deutschland kam man auf eine Quote von 25 % (in Worten: fünfundzwanzig Prozent). Jeder vierte ältere Mensch in unserem Deutschland erlebt: Menschen, auf die er angewiesen ist, gehen roh, unachtsam, miss-handelnd mit ihr oder ihm um.

Nun kann man immer fragen, was genau wie untersucht wurde, doch bleibt, auch im Vergleich mit anderen Nationen, das Ergebnis signifikant. Trotzdem: Weder in 2012 noch danach gab es einen Aufschrei der Empörung in Politik, Gesellschaft und Kirche. „Misshandlung älterer Menschen“: Kein Thema!

Dabei dürfte doch eines unumstritten sein: Misshandlungen aller Art und in allen Altersstufen sind zu verurteilen, anzuprangern, und nach Möglichkeit zu verhindern. Die unbedingte Menschenwürde und die Gottesebenbildlichkeit des Menschen sollte uns so viel wert sein, dass wir ohne Ansehen der Person nicht nur „dagegen“ sind, sondern auch „dagegen“ handeln. „Wir“ – als Teil der Gesellschaft. Und: „Wir“ als Evangelische Kirche.

Dabei darf es nicht um schnelle Verurteilungen der Miss-Handelnden gehen. Sowohl in der professionellen als auch in der familiären Pflege kommt es zu massiven Überforderungssituationen, die oft nur in Form von verbaler, psychischer, emotionaler oder körperlicher Gewaltausübung ein Ventil finden. In vielen – nicht in allen! – Fällen ist Überforderung die Wurzel für Gewalt. Nachvollziehbar, und trotzdem ganz und gar nicht in Ordnung.

Was können wir tun – als einzelne Christenmenschen, als Gemeinden, als Kirchenkreise und als Landeskirche? Ideen für einen ersten Anfang:

  • Hinsehen. Überhaupt damit rechnen, dass ältere Menschen Misshandlung erfahren.
  • Sprechen. Es zum Thema machen – in Gottesdiensten, Veranstaltungen, Veröffentlichungen. Das Tabu brechen.
  • Handeln. Angebote für pflegende Angehörige machen. Entlastungen schaffen. Tagespflege in Gemeinderäumen anbieten.
  • Nachdenken. Wo fängt Miss-Handlung an? Wie sehr achte ich selbst die Alten – im Alltag, beim Einkaufen, auf der Straße, in den Gemeinden, in den Gottesdiensten?

Helga Wemhöner

Pfarrerin Helga Wemhöner ist Dozentin im Fachbereich Seelsorge im Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der Evangelischen Kirche von Westfalen und zuständig für den Arbeitsbereich Seelsorge im Alter und in Einrichtungen der Altenpflege

Dümmlich, nackt und willig? Sexismus in der Werbung

Wir sitzen beim Frühstück, ich schlage die Zeitung auf, eine Werbung fällt raus. Eine junge Frau mit breitem Mund und großen Brüsten grinst mich an. Die Frau trägt eine schwarze Brille. Daneben der Satz: „Jetzt zum Sehtest!“ – Nicole Richter über Sexismus in der Werbung

Besonders frauenfeindliche Werbung: TERRE DES FEMMES vergibt dafür den  „Zornigen Kaktus". Bild: © TERRE DES FEMMES

Besonders frauenfeindliche Werbung: TERRE DES FEMMES vergibt dafür den „Zornigen Kaktus“. Bild: © TERRE DES FEMMES

„Komisch“, sagt meine Tochter, „Wieso Sehtest? Den Busen sieht man doch auch ohne Brille!“ „Genau!“, denke ich und versuche mich über diesen Sexismus in der Werbung nicht aufzuregen. Ich muss schließlich ins Büro.

Auf meinem Weg dahin wandert mein Blick zu drei Plakatwänden. Drei Frauenpo`s in knappen Bikinihöschen mit Sand überzogen. Ja, sexy. Aber kann es wahr sein, dass ich an jeder Ecke mit sexistischer Werbung konfrontiert werde? Nichts gegen schöne Bilder, aber ich haben keine Lust mehr auf solche: Frauen, die sich als dümmlich, nackt und willig präsentieren. Und ich werde sicher auch nicht meine nächste Reise auf der Webseite buchen, die die Marketingstrategie „Sex sells“ unterstützt. Ich fordere ein Verbot von Werbung, in der Frauen zum sexuellen Objekt reduziert werden. Ich will auch keine Werbung, die Männer als muskulöse, unfähige Protz-Typen darstellt. Solche Bilder prägen sich ein und sie verändern uns.

Eine internationale WHO-Studie zeigt: Jedes zweite 15-jährige Mädchen findet sich zu dick. Bei den Jungen ist es jeder dritte– selbst wenn sie objektiv gar nicht übergewichtig sind. Ein negatives Körperbild könne sich ungünstig auf das Wohlbefinden auswirken und sogar Essstörungen verursachen, meint das Forschungsteam. Von der Verfestigung klischeehafter Rollenbilder mal ganz zu schweigen.

Wer sich gegen sexistische Werbung wehren will, kann eine Beschwerde an den deutschen Werberat schicken. Den gibt es seit 1972. Er besteht aus 41 Organisationen aus Handel und Wirtschaft, die sich selbstverpflichtet haben, einen Werbekodex zu wahren. Sinnvoll und wichtig, denn die Bilanz zeigt: Der Vorwurf der Frauenherabwürdigung und -diskriminierung ist konstant hoch! Acht Rügen hat der Deutsche Werberat wegen geschlechterdiskriminierender Werbung im ersten Halbjahr 2015 an Unternehmen ausgesprochen. Doppelt so viele wie im Vorjahr. Positiv sei jedoch, so die Geschäftsführerin Julia Busse, dass gerügte Unternehmen in der Regel kein weiteres Mal auffällig werden.

Ihr Wort in Gottes Ohr. Um mit Luther zu sprechen: Hier stehe ich und kann nicht anders. Ich habe jedenfalls beschlossen, besagte zwei Werbeanzeigen beim Werberat zu melden. Mal sehen, was passiert.

Nicole Richter

Nicole Richter, Diplom-Sozialpädagogin und Fachjournalistin, arbeitet als Fachbereichsleiterin im Frauenreferat der EKvW in Schwerte-Villigst. Sie verfasst regelmäßig Radioandachten für WDR2

 

 

Zum Weiterlesen:
Der Marlboro-Mann ist tot – Sexismus in der Werbung: Männer
#Istandup: Starke Kampagne gegen Sexismus in der Werbung
Heiko Maas will Verbot sexistischer Werbung
„Der zornige Kaktus“TERRE DES FEMMES hat in diesem Sommer zum zweiten Mal den „Zornigen Kaktus“ für besonders frauenfeindliche Werbung verliehen. Diesjähriger Preisträger der Negativ-Auszeichnung ist eine Anzeige des Online-Unternehmens „Karrierestrategen“. Es wirbt mit dem Hinterteil einer Frau für kostenlose Bewerbungschecks.

„Sie liegen falsch, Schwerte schafft das“

In einer Ausgabe der ZEIT ging es um Städte, die viele Flüchtlinge und viele Schulden haben, unter anderem um Schwerte. Die Überschrift über dem Artikel hieß: Schwerte schafft es nicht. Ich komme aus Schwerte. Die Überschrift ist falsch. – Von Martin Krehl

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…auch in Schwerte. Bild: Public Domain/pixabay

Das es in Schwerte wenig bezahlbaren Wohnraum gibt und dass er mit steigenden Flüchtlingszahlen knapper wird, das stimmt. Aber Sozialwohnungen wurden schon abgeschafft, bevor Assad die erste Fassbombe auf Aleppo werfen ließ. Die Not ist nicht durch Flüchtlinge entstanden, sie ist nur sichtbarer geworden.

Meine Stadt hat jahrelang hart sparen müssen, auch das ist richtig. Wenn jetzt Flüchtlinge kommen, werden wir Normalbürger – abgesehen von den beschlagnahmten Turnhallen – kaum etwas vermissen an unserer kommunalen Daseinsfürsorge, die ist nämlich lange schon auf ein Mindestmaß reduziert. Wir sind es gewohnt, uns selbst zu kümmern, das Engagement der Schwerter Bürger hat Jahrhunderte Tradition. Es gibt genug Helfer, die sich um die Unterbringungen und Versorgung der Flüchtlinge kümmern. Das sind nicht nur optimistische, naive Menschen. Da sind eine Menge Leute dabei, die denken: Hoffentlich geht das gut.

Aber nur weil das Geld knapp ist, kann doch nicht gleich der Schluss gezogen werden, dass die Stadt diese Aufgabe nicht stemmen kann. Im schlimmsten Fall schickt uns das Land einen Zwangsverwalter. Der wird sehen, was offensichtlich ist: dass wir kein Geld ausgeben für Dinge, die verzichtbar wären. Wir können ja nicht in den Turnhallen, in denen Flüchtlinge wohnen, die Heizung abdrehen oder die Matratzen wegstreichen. Der Bürgermeister darf in meinem Namen so viele Schulden machen wie nötig. Es ist gut investiertes Geld, es hilft Menschen in Not.

Vielleicht wird durch die Flüchtlinge der eine oder andere Bauantrag etwas später bewilligt, vielleicht werden ein paar Knöllchen weniger geschrieben, weil die Beamten so beschäftigt sind. Mehr nicht. Schwerte schafft das.

krehl_200Martin Krehl war Lokalredakteur bei der Westfälischen Rundschau, betreut als Mitarbeiter der Kirche Flüchtlinge, Beauftragter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und für die Koordination der sechs Begegnungscafés der katholischen und der drei evangelischen Kirchengemeinden in Schwerte

 

(Erstveröffentlichung als Leserbrief in DIE ZEIT Nr. 9/18.02.2016 – Zwischenruf)

Können (nur) Mütter trösten? Gedanken zur Jahreslosung 2016

Die Jahreslosung 2016 lautet: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Jes 66,13 – Von Heinz-Hermann Haar

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Nun denkt man zunächst: Welch trostreiche Überschrift über ein ganzes Jahr. Erst leise, dann immer deutlicher, wurden dann Anfragen an diesen Vers in einem lauter: „Was ist, wenn ich als Kind erleben musste, dass meine Mutter mich nicht trösten konnte, weil sie selber keinen Trost in sich hat?“ Das passte nun so gar nicht in die besinnliche Stimmung, die man eigentlich erwarten sollte bei diesem Vers.

Mir fallen noch viele weitere Widerhaken ein. Zum Beispiel: „Ist der Trost eines Vaters weniger tröstend?“ Oder: „Gott wird fast überall in der Bibel in einer männlichen Rolle gesehen. Warum wird ihm hier auf einmal der trostreiche Mantel einer Mutter umgelegt?“

Oder: „Wie hören Menschen diesen Satz, wenn sie als Kinder ihre Mütter z. B. alkoholkrank erlebt haben?“ Ich habe das immer mal wieder von Schülerinnen und Schülern unter Tränen gehört, wie zerstörend das ist, wenn man nach Hause kommt und findet dort Mutter oder Vater hilflos, vielleicht in seinem eigenen Erbrochenen liegend, weil die Flasche mal wieder stärker war als das Zutrauen zu sich. Nie jemanden in mein Zimmer einladen können, weil ich nicht abschätzen kann, in welchem Zustand das alkoholkranke Elternteil sich präsentieren würde.Dann soll ich froh sein, dass Gott mich wie eine Mutter trösten will?

Klar, es gibt die vielen anderen Beispiele von echtem Trost durch mütterliche Mütter. Aber auch dabei gab es die Situation, dass ich nicht getröstet werden wollte mit dem Satz: „Alles wird gut!“ Ich wollte mal richtig traurig oder sauer oder sogar böse sein dürfen, weil mich etwas verletzt hat, was nicht so einfach mit „Alles wird gut!“ besänftigt werden konnte. „Mutti, lass Deinen Trost für später, hör erst mal meinen Zorn!“

Vielleicht geht Ihnen das manchmal ja auch so, dass man erst einmal seinen Zorn – auch bei Gott – loswerden will und loswerden muss, ehe man überhaupt fähig ist, sich trösten lassen zu wollen.

Es ist wahr, dass wir Gott nicht anders als in menschlichen Bildern denken können, aber vorsichtig mit eben diesen Bildern sein müssen, dass wir ihn damit nicht erschlagen. Das Bild von der tröstenden Mutter ist vielleicht ein solches Bild, das trostreich und hilfreich sein kann, aber auch Gott verstellen und zudecken kann.

Vielleicht denken Sie in diesem Jahr darüber nach, welches Bild Sie wählen würden, wenn Sie von Erfahrungen des Trostes durch Gott reden wollen. Vielleicht denken Sie auch darüber nach, welche Bilder von Gott Sie lieber heute als morgen über Bord werfen sollten, weil sie Ihnen Gott nicht (mehr) näherbringen, sondern Gott verdunkeln.

Heinz-Hermann HaarHeinz-Hermann Haar ist Mitglied des Presbyteriums im münsterländischen Senden. Er bloggt zu den Themen Inklusion und Lifescience.

 

Hartz IV: Überleben Ja – gesellschaftliche Teilhabe Nein danke!

Für Nahrungsmittel sind bei einem alleinstehenden erwachsenen ALG-II-Empfänger 138,82 € monatlich vorgesehen, ein 6 bis13-jähriges Kind erhält 104,86 €. Pro Tag sind dies 4,62 € für Essen und Trinken, für das 12-jährige Kind noch 3,49 €. Wenn für das Mittagessen 1,49 € eingeplant werden verbleiben für das Frühstück und Abendessen je ein Euro. Wichtig ist, dass das Kind keinen gesunden Apfel mit zur Schule nehmen möchte oder nachmittags Hunger bekommt, hierfür ist kein Cent mehr übrig. Es sollte auch den ganzen Tag keinen Durst haben oder mit Leitungswasser zufrieden sein, der Getränkeanteil war bei den Essensausgaben verplant. – Von Michael König

Hand füllt Hartz-IV-Antrag aus

Bild: clipdealer

Für Schuhe sind für ein 6 bis 13-jähriges Kind monatlich 10,43 € vorgesehen. Ein Paar Sandalen, Halbschuhe und Winterschuhe im Billigeinkauf für 40,00 € und alles ist für ein Jahr ausgegeben. Schuhe zum Wechseln, Verschleiß, wachsende Kinderfüße alles sollte bei Hartz IV nicht vorkommen. Sportunterricht in der Schule lieber auch nicht; Turnschuhe sind in der beschriebenen Variante nicht eingeplant.

Alles reduzieren

Der Mangel bei den Grundbedarfen wie Ernährung, Kleidung, Energieversorgung wird dadurch ausgeglichen, dass andere Ausgaben komplett eingespart werden. Für einen Erwachsenen sind im monatlichen Regelsatz für Spielwaren/Hobbys (1,30 €), Bücher/Broschüren (5,55 €), Bildung/Kursteilnahme (1,50 €), Besuche von Sport- und Kulturveranstaltungen (8,30 €) oder Mitgliedsbeiträge (1,45 €) eingeplant. Einsparungen bei Ausgaben für soziale Kontakte ermöglichen es, für ein Mittagessen 2,50 € einzuplanen oder die notwendigen Billigturnschuhe für das Kind zu bezahlen. Weiterlesen

Verordnete Dankbarkeit

Nach einer kurzen Phase der Euphorie, in der sich viele Deutsche daran berauscht haben, dass wir ja doch nett sein können – ein Gefühl, das wir seit dem Fußball-Sommermärchen 2006 fast vergessen hatten – kommt nun wieder unser alter Begleiter: die Angst. Schaffen wir das wirklich? In der „Flüchtlingsschwemme“ nicht zu ertrinken? Oder ist nun die Grenze erreicht? Hat die Kanzlerin Recht, wenn sie die Parole „Wir schaffen das“ ausgibt? Oder doch die Seehofers und Söders dieser Welt, die sich so sehr um unser Land sorgen, dass sie es am liebsten einzäunen möchten? – Von Nicole Schneidmüller-Gaiser

Dieses Foto entstand im Rahmen der Foto-Kampagne #hinsehen - Ein Projekt für Zivilcourage der Hagener Fotografin Beba Illic.

Nicht wegschauen! Dieses Foto entstand im Rahmen der Foto-Kampagne #hinsehen – Ein Projekt für Zivilcourage der Hagener Fotografin Beba Illic.

Keiner von uns musste bis jetzt wirklich auf irgendwas verzichten – die Hartz-IV-Sätze, die Rente, selbst die Bahnpreise sind stabil. Niemandem wurde eine vierköpfige Familie aus Syrien ins Eigenheim gesetzt; keiner hat seinen Job verloren, weil der qualifizierte junge Mann aus Eritrea den Job billiger macht. Und selbst das Straßenbild hat sich für die allermeisten von uns nicht wesentlich verändert; außer für die, die in Stadtteilen wohnen, die eh schon vernachlässigt wurden. Das darf man, das muss man kritisieren, denn es ist ungerecht, schwierig, gefährlich. Aber es hat nur am Rande mit den Migranten zu tun. Weiterlesen

Inklusion darf kein Sparmodell sein

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Wie ist angemessene Förderung in inklusiven Klassen möglich? Foto: Shutterstock.com/Monkey-Business-Images

Ein Bericht aus der Praxis.

Total langweilig. Anstrengend. Demotivierend. So lautet mein Fazit zum Chinesisch-Kurs, den ich vor einigen Wochen besucht habe. Man hatte mich aus Versehen in den Fortgeschrittenen-Kurs gesetzt. Über Wochen habe ich zwar zu Hause chinesische Schriftzeichen gelernt. Aber wirklich verstanden habe ich nichts.

So ist es auch vielen meiner Schülerinnen und Schüler im vergangenen Schuljahr ergangen. Als Förderschullehrerin bin ich für ein Jahr an einer Realschule gelandet, die mit dem Thema »Inklusion« gegen ihren Willen Neuland betreten hat. Dort habe ich mir eine Stelle mit einer Kollegin geteilt. Zusammen waren wir zuständig für zehn Kinder mit Förderbedarf, die auf fünf Parallelklassen aufgeteilt waren. Weiterlesen

Inklusion tut gut!

 

Die sind richtig mittendrin! Bild: Shutterstock.com/Olesia Bilke

Die sind richtig mittendrin! Bild: Shutterstock.com/Olesia Bilke

Meine Freundin Sabine ist Lehrerin am Gymnasium. Das Gymnasium ist seit einem Jahr Inklusionsgymnasium.

Als Sabine und ich letztes Jahr vor den Sommerferien miteinander telefonierten, sagte sie: „Weiß auch noch nicht, wie das funktionieren soll mit der Inklusion an unserer Schule. Stell ich mir schon schwierig vor. Na ja, warten wir´s mal ab!“

Auch ich war skeptisch. Inklusion, ja klar! Aber Kinder mit geistiger Beeinträchtigung ausgerechnet auf einem Gymnasium? Sind die da nicht völlig außen vor? Und: Ist das nicht die totale Überforderung für die Lehrer?

Als Sabine und ich vor einigen Tagen wieder miteinander telefonierten, sagte sie: „Klappt überraschend gut! Weiterlesen

Emotion und ihre Grenzen

Wenn ich ins Stadion gehe, erwarte ich Einsatz und raffinierte Spielzüge, Schnelligkeit und den entscheidenden Moment eher am Ball. Und weil ich das will, darum gehe ich in der brodelnden Stadion-Atmosphäre mit, feuere an und rege mich auf. Ich will auch nicht, dass immer der Bessere gewinnt. Sonst ist der finanzstärkste Verein, der sich die besten Spieler zusammenkaufen kann, regelmäßig der Gewinner. Wie langweilig! Der Reiz besteht gerade darin, dass die „Kleinen“ über sich hinauswachsen, dass der Einsatz manchmal spielerische Klasse wettmacht. – Von Dr. Albrecht Thiel

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Tausende spielen mit…

Die lokale Rivalität erhöht den Reiz: Dortmund gegen Schalke oder – eine Liga tiefer – Bielefeld gegen Paderborn: Da ist das Stadion Wochen vorher ausverkauft. Es erinnert ein bisschen an die mittelalterlichen Spiele von Städten gegeneinander: Wir sind besser als ihr!

Wir spielen. Zwar spielen nur zwei Mannschaften gegeneinander, aber Tausende spielen mit. Sie wollen gewinnen. Um welchen Preis? Weiterlesen