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Europa: In der Krise steckt die Chance

Eine Stimme für das „Friedensprojekt“ Europa!“ war einer der ersten Beiträge in der „Klaren Kante“. Wie sieht es jetzt, zwei Jahre später, aus? Annette Muhr-Nelson schaut zurück und nach vorn.

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Paris, Brüssel, die Terroranschläge in europäischen Metropolen erschüttern uns bis ins Mark. Allerorten ist Verunsicherung zu spüren. Kaum ein Fernsehabend ohne eine Talkshow oder ein Magazin zum Thema. Dabei werden Schwächen in der Vernetzung von Polizei und Geheimdiensten der verschiedenen europäischen Staaten bemängelt.

Idomeni, Lesbos, Lampedusa, Calais. Zäune in Osteuropa, die Wiedereinführung von Grenzkontrollen auch in Dänemark, das Rücknahmeabkommen mit der Türkei. Ein europäischer Flüchtlingsgipfel jagt den anderen.

Großbritannien stimmt am 23. Juni über den Verbleib in der EU ab. Ein Brexit könnte möglicherweise große Auswirkungen auf die europäische Währungsunion haben. Die nationalkonservativen Parteien und Strömungen erstarken in ganz Europa. In der Ukraine herrscht immer noch Krieg.

Die Europäische Union steckt in einer dicken Krise. Steht das „Friedensprojekt Europa“ vor dem Aus?

„Wir sind zutiefst erschüttert von den Ereignissen. Als Gesellschaften und auch als Kirchen müssen wir fest und geeint stehen“, sagte der Generalsekretär der GEKE (Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa), Bischof Dr. Michael Bünker, unmittelbar nach den Anschlägen in Brüssel. „Die Spaltung Europas durch Terroranschläge wie jene von Brüssel darf nicht gelingen.“

Was für die Terroranschläge gilt, gilt auch für die anderen Herausforderungen: Die Spaltung Europas darf nicht geschehen! Ruhe bewahren, einen kühlen Kopf behalten, gemeinsam nach Lösungen suchen, ist das Gebot der Stunde.

Wertelieferanten?!

Es stand Politikern schon immer gut an, weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Visionär und menschlich – so stelle ich mir europäische Politik vor; an einer Friedenslogik ausgerichtet, die ein auskömmliches Leben für alle zum Ziel hat.

Das mag naiv und weltfremd klingen. Ist es auch, solange damit gemeint ist: „Lasst uns so weitermachen wie bisher.“ – Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Die Appelle zu Toleranz und Offenheit reichen nicht mehr aus, den sozialen Frieden zu wahren.

Als Kirchen haben wir da lange genug mitgespielt, haben uns in die Rolle des Wertelieferanten für die Gesellschaft drängen lassen, haben getröstet und Pflaster auf die Wunden geklebt.

Jetzt ist es Zeit, deutlich zu machen, was Gerechtigkeit, Solidarität, wirklich heißt: Eine Transformation der Gesellschaft, eine Lastenverteilung zwischen Arm und Reich, eine komplette Änderung unseres Wirtschaftssystems.

Wenn wir es nicht aussprechen, wer dann: Die weltweiten Flüchtlingsströme und das Erstarken des Extremismus brechen nicht über uns herein wie Naturgewalten. Sie waren vorhersehbar. Sie sind logische Konsequenzen eines globalen ausbeuterischen Wirtschaftssystems, von dem wir in Europa lange genug profitiert haben.

Nur mit mutigen Schritten nach vorn können wir das überwinden. Zurück zum Nationalstaat ist keine Option. Europa hat schon viele Krisen gemeistert. Ich bin zuversichtlich, dass der Friedenswille und die Freiheitsliebe der Europäerinnen und Europäer nicht so leicht unterzukriegen sind.

Annette Muhr-Nelson

Annette Muhr-Nelson

Annette Muhr-Nelson ist Friedensbeauftragte der EKvW und Leiterin des Amtes für MÖWe

 

„Sie liegen falsch, Schwerte schafft das“

In einer Ausgabe der ZEIT ging es um Städte, die viele Flüchtlinge und viele Schulden haben, unter anderem um Schwerte. Die Überschrift über dem Artikel hieß: Schwerte schafft es nicht. Ich komme aus Schwerte. Die Überschrift ist falsch. – Von Martin Krehl

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…auch in Schwerte. Bild: Public Domain/pixabay

Das es in Schwerte wenig bezahlbaren Wohnraum gibt und dass er mit steigenden Flüchtlingszahlen knapper wird, das stimmt. Aber Sozialwohnungen wurden schon abgeschafft, bevor Assad die erste Fassbombe auf Aleppo werfen ließ. Die Not ist nicht durch Flüchtlinge entstanden, sie ist nur sichtbarer geworden.

Meine Stadt hat jahrelang hart sparen müssen, auch das ist richtig. Wenn jetzt Flüchtlinge kommen, werden wir Normalbürger – abgesehen von den beschlagnahmten Turnhallen – kaum etwas vermissen an unserer kommunalen Daseinsfürsorge, die ist nämlich lange schon auf ein Mindestmaß reduziert. Wir sind es gewohnt, uns selbst zu kümmern, das Engagement der Schwerter Bürger hat Jahrhunderte Tradition. Es gibt genug Helfer, die sich um die Unterbringungen und Versorgung der Flüchtlinge kümmern. Das sind nicht nur optimistische, naive Menschen. Da sind eine Menge Leute dabei, die denken: Hoffentlich geht das gut.

Aber nur weil das Geld knapp ist, kann doch nicht gleich der Schluss gezogen werden, dass die Stadt diese Aufgabe nicht stemmen kann. Im schlimmsten Fall schickt uns das Land einen Zwangsverwalter. Der wird sehen, was offensichtlich ist: dass wir kein Geld ausgeben für Dinge, die verzichtbar wären. Wir können ja nicht in den Turnhallen, in denen Flüchtlinge wohnen, die Heizung abdrehen oder die Matratzen wegstreichen. Der Bürgermeister darf in meinem Namen so viele Schulden machen wie nötig. Es ist gut investiertes Geld, es hilft Menschen in Not.

Vielleicht wird durch die Flüchtlinge der eine oder andere Bauantrag etwas später bewilligt, vielleicht werden ein paar Knöllchen weniger geschrieben, weil die Beamten so beschäftigt sind. Mehr nicht. Schwerte schafft das.

krehl_200Martin Krehl war Lokalredakteur bei der Westfälischen Rundschau, betreut als Mitarbeiter der Kirche Flüchtlinge, Beauftragter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und für die Koordination der sechs Begegnungscafés der katholischen und der drei evangelischen Kirchengemeinden in Schwerte

 

(Erstveröffentlichung als Leserbrief in DIE ZEIT Nr. 9/18.02.2016 – Zwischenruf)

Wie geht es den Christen in Syrien?

Die Christen  in Syrien leben in einer ständigen Bedrohung. Es sind nicht nur die Anhänger des Islamischen Staates (IS), die Christen vertreiben, verschleppen und auf grausame Weise töten. – Von Dr. Christian Hohmann

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Auch andere islamistische Gruppen, wie z. B. die Al-Nusra-Front, terrorisieren die Christen: Mädchen und Frauen werden Opfer von Entführungen und sexueller Gewalt. Christliche Dörfer und Wohnviertel werden angegriffen, Kirchen und Klöster zerstört, allerdings auch durch die Truppen von Assad.

Dabei geht das Christentum in Syrien in frühchristliche Zeit zurück. In der Apostelgeschichte 13, 1-3 wird von der Gemeinde in Antiochien in Syrien berichtet. Leider haben nur wenige Christen in Westeuropa eine Vorstellung von der konfessionellen Vielfalt und dem Leben der Christen in Syrien.

Nach Angaben der Organisation „Kirche in Not“ lebten vor Ausbruch des Krieges noch 2,5 Millionen Christen in Syrien. Seither haben rund 700.000 Christen das Land verlassen. Viele der z. B. syrisch-orthodoxen Christen (Aramäer) aus dem Irak und aus Syrien sind in die Türkei geflohen. Dort werden sie z. B. im Umfeld der Klöster von aramäischen Christen versorgt. Doch auch hier werden Christen beruflich benachteiligt und als Minderheit diskriminiert. Daneben gibt es maronitische, chaldäische, römisch-katholische, melkitische, armenische und evangelische Christen, die aus ihrer syrischen Heimat fliehen, um ihr Leben zu retten. Denn der Krieg ist grausam und die Versorgungslage katastrophal.

Aber statt den Christen und anderen verfolgten Minderheiten zu helfen, schotten sich immer mehr europäische Länder generell gegen Flüchtlinge ab.

Diejenigen, die im Kriegsgebiet zurückbleiben, sind zumeist kranke und alte Menschen, einige Familien oder solche, denen die Mittel fehlen, um Schlepper zu bezahlen und die gefährliche Flucht anzutreten. Medienberichten zufolge haben sich inzwischen christliche Milizen gebildet, die den IS bekämpfen. Doch, während sich manche syrischen Kirchenführer eine Zukunft ohne Präsident Baschar-al-Assad nicht vorstellen können, wissen viele Christen vor Ort, dass das Assad-Regime für den Hass zwischen den einzelnen Konfessionen eine Mitverantwortung trägt und Gewalt auch gegen Christen verübt hat.

Hohmann_150Dr. Christian Hohmann, Regionalpfarrer des Amtes für MÖWe

Warum die absolute Priorität der Flüchtlingsfrage kein guter Weg sein könnte

In diesen Tagen sind es viel zu viele Menschen, die in eine ungewisse Zukunft fliehen müssen, weil sie dort, wo sie sind, keine Zukunft und keine sichere Gegenwart haben. – Von Heinz-Hermann Haar

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…dürfen wir das, wenn es so viel Menschen auf der Flucht und in Not gibt?

Flüchtlinge erfahren vielerlei Grenzen: Vor der Flucht erleiden sie Krieg und Gewalt, Demütigung und Vergewaltigung, Hunger und Krankheit, Arbeits- und Perspektivlosigkeit – sie stoßen an existentielle, physische und psychische Grenzen, die sie nicht überwinden können, vor denen sie fliehen. Auf der Flucht begegnet ihnen erneut Gewalt und Erniedrigung, Hunger und Ausbeutung, zudem Gefahr bei der Durchquerung fremder Länder, stürmischer Meere, reißender Flüsse, um an das gegenüberliegende rettende Ufer zu gelangen.

Wer Grenzen erfährt, die er selbst nicht überwinden kann, braucht Nächste, die ihm zur Seite stehen. Jesus beantwortet die Frage „Wer ist mein Nächster“ mit der Gegenfrage: „Wer ruft mich, damit ich zu seinem Nächsten werde?“

Dass wir uns um diese Menschen und ihr Leid kümmern müssen, steht völlig außer Frage. Aber vielleicht sei die Frage gestattet, ob das alles andere überdecken darf und soll? Weiterlesen

Verordnete Dankbarkeit

Nach einer kurzen Phase der Euphorie, in der sich viele Deutsche daran berauscht haben, dass wir ja doch nett sein können – ein Gefühl, das wir seit dem Fußball-Sommermärchen 2006 fast vergessen hatten – kommt nun wieder unser alter Begleiter: die Angst. Schaffen wir das wirklich? In der „Flüchtlingsschwemme“ nicht zu ertrinken? Oder ist nun die Grenze erreicht? Hat die Kanzlerin Recht, wenn sie die Parole „Wir schaffen das“ ausgibt? Oder doch die Seehofers und Söders dieser Welt, die sich so sehr um unser Land sorgen, dass sie es am liebsten einzäunen möchten? – Von Nicole Schneidmüller-Gaiser

Dieses Foto entstand im Rahmen der Foto-Kampagne #hinsehen - Ein Projekt für Zivilcourage der Hagener Fotografin Beba Illic.

Nicht wegschauen! Dieses Foto entstand im Rahmen der Foto-Kampagne #hinsehen – Ein Projekt für Zivilcourage der Hagener Fotografin Beba Illic.

Keiner von uns musste bis jetzt wirklich auf irgendwas verzichten – die Hartz-IV-Sätze, die Rente, selbst die Bahnpreise sind stabil. Niemandem wurde eine vierköpfige Familie aus Syrien ins Eigenheim gesetzt; keiner hat seinen Job verloren, weil der qualifizierte junge Mann aus Eritrea den Job billiger macht. Und selbst das Straßenbild hat sich für die allermeisten von uns nicht wesentlich verändert; außer für die, die in Stadtteilen wohnen, die eh schon vernachlässigt wurden. Das darf man, das muss man kritisieren, denn es ist ungerecht, schwierig, gefährlich. Aber es hat nur am Rande mit den Migranten zu tun. Weiterlesen