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15 Jahre 9-11

„Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war!“ So beschrieben viele Kommentatoren unmittelbar nach den Attentaten auf das World Trade Center in New York ihren Eindruck von der Bedeutung dieses Ereignisses. Vergleichbares hatte die Welt noch nicht erlebt. Amerika, bisher für die meisten Menschen ein Ort der Sicherheit und Zuflucht, unverletzbar und unschlagbar, war mitten in Manhattan, dem Traum dieser Verheißung, tödlich getroffen. Und: Die Welt sah live und in Farbe zu. Zeitgleich gingen Bilder um den Globus, die wir bisher nur aus Hollywood-Filmen kannten, aber die nun eine grausame Realität beschrieben. 2749 Menschen starben in den Trümmern der beiden Türme. Wir gedenken in diesen Tagen zum 15. Mal der Opfer der Anschläge von New York und Washington. Was aber heißt in diesem Fall „gedenken“? Und wer sind die „Opfer“? – Von Andreas Walczak-Detert

Blick über das südliche Becken des National September 11 Memorial in New York City (USA) auf das National September 11 Memorial Museum.

Blick über das südliche Becken des National September 11 Memorial. Bild: NormanB / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

…„Das Wunder, das wir schaffen können, ist mit unserem Leben fortzufahren, den Wert des Lebens zu bewahren, zu schützen und zu feiern…,“ sagte der New Yorker Bürgermeister Bloomberg bei den Gedenkfeiern auf Ground Zero am 11. September 2005. Allen Teilnehmern war damals klar, dass die Form der Trauer nun in eine neue Phase treten würde. Mit der Grundsteinlegung für den noch höheren Freedom Tower würde es keine Trauerfeiern auf dem so genannten „bad rock“, dem bösen Gestein, mehr geben. Aber die Welt ist nicht einfach zur Normalität zurückgekehrt. Es ist tatsächlich nichts mehr wie früher.

Es ist, als ob diese Anschläge auf gespenstische Art und Weise endgültig das 21. Jahrhundert „eingeläutet“ haben. Wird am Ende das 21. Jahrhundert durch blutige Terroranschläge gekennzeichnet sein – so wie das 20. Jahrhundert durch zwei furchtbare Weltkriege? Zeigen diese Anschläge nicht deutlich, dass es in unserer globalen Welt keine Sicherheiten mehr gibt? Die folgenden Anschläge, in Paris und Brüssel, an der Côte d’Azur und nun auch in Deutschland haben die Verletzbarkeit unserer modernen Welt eindrucksvoll unter Beweis gestellt – und unsere Schutzlosigkeit. Einen sicheren Ort auf der Welt gibt es nicht.

Besonders pikant: Die Terroristen waren Islamisten, beriefen sich auf den Koran, fühlten sich von einem heiligen Krieg zu ihren Taten gerufen. Hatten die Industriegesellschaften vorher noch erwartet, „die Religion“ würde in der modernen Welt allenfalls noch ein Nischendasein führen, so meldete sich nun „die Religion“ schlagartig mitten in der säkularen Welt zurück.

„Die Religion“

Welche Rolle spielt „die Religion“ in unserem Zusammenleben? Wird unsere Zukunft durch neue Feindbilder geprägt sein? Werden Christentum und Islam sich entfremden, statt den gegenseitigen Respekt zu vertiefen? Wird sich die Welt einteilen in die Guten und die Bösen? Bleibt unser christliches Wissen, dass jeder Mensch Gutes und Böses in sich trägt, auf der Strecke? Was werden wir am Ende aus den Terrorangriffen lernen?

Der anglikanische Bischof von Leeds, Nick Baines, verfolgt mit großer Sorge die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in seinem eigenen Land. Rassismus, so seine Einsicht, beginnt nicht lautstark und gewalttätig, sondern als „Samen, der durch Schweigen und Verbreiten von Gerüchten genährt wird…Dem kann begegnet werden durch das Pflanzen, Pflegen und Hegen von Samen, aus denen Hoffnung, Engagement und Liebe erwächst. Es reicht nicht aus, den schlechten Samen auszureißen, man muss an seiner Stelle einen guten einpflanzen.“

Neue Freundbilder statt alte Feindbilder

Der Friedensauftrag der Christen hat durch die Anschläge am 11. September 2001 eine neue Dringlichkeit bekommen. Noch energischer müssen wir fragen und sagen, was heute dem Frieden dient – gerade auch im Gespräch mit anderen Religionen. Unser Glaube muss dazu beitragen, neue Freundbilder statt alte Feindbilder zu „malen“. Ich finde, dass dies der beste und angemessenste Weg ist, der Opfer des 11. September zu gedenken und Lehren aus den Anschlägen zu ziehen. Es steht viel auf dem Spiel, damit wir am Ende nicht alle zu späten Opfern werden.

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Andreas Walczak-Detert ist Pfarrer für Stadtkirchenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit

 

 

Bildnachweis oben: Blick über das südliche Becken des National September 11 Memorial in New York City (USA) auf das National September 11 Memorial Museum. By NormanB (Own work) / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Wie geht es den Christen in Syrien?

Die Christen  in Syrien leben in einer ständigen Bedrohung. Es sind nicht nur die Anhänger des Islamischen Staates (IS), die Christen vertreiben, verschleppen und auf grausame Weise töten. – Von Dr. Christian Hohmann

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Auch andere islamistische Gruppen, wie z. B. die Al-Nusra-Front, terrorisieren die Christen: Mädchen und Frauen werden Opfer von Entführungen und sexueller Gewalt. Christliche Dörfer und Wohnviertel werden angegriffen, Kirchen und Klöster zerstört, allerdings auch durch die Truppen von Assad.

Dabei geht das Christentum in Syrien in frühchristliche Zeit zurück. In der Apostelgeschichte 13, 1-3 wird von der Gemeinde in Antiochien in Syrien berichtet. Leider haben nur wenige Christen in Westeuropa eine Vorstellung von der konfessionellen Vielfalt und dem Leben der Christen in Syrien.

Nach Angaben der Organisation „Kirche in Not“ lebten vor Ausbruch des Krieges noch 2,5 Millionen Christen in Syrien. Seither haben rund 700.000 Christen das Land verlassen. Viele der z. B. syrisch-orthodoxen Christen (Aramäer) aus dem Irak und aus Syrien sind in die Türkei geflohen. Dort werden sie z. B. im Umfeld der Klöster von aramäischen Christen versorgt. Doch auch hier werden Christen beruflich benachteiligt und als Minderheit diskriminiert. Daneben gibt es maronitische, chaldäische, römisch-katholische, melkitische, armenische und evangelische Christen, die aus ihrer syrischen Heimat fliehen, um ihr Leben zu retten. Denn der Krieg ist grausam und die Versorgungslage katastrophal.

Aber statt den Christen und anderen verfolgten Minderheiten zu helfen, schotten sich immer mehr europäische Länder generell gegen Flüchtlinge ab.

Diejenigen, die im Kriegsgebiet zurückbleiben, sind zumeist kranke und alte Menschen, einige Familien oder solche, denen die Mittel fehlen, um Schlepper zu bezahlen und die gefährliche Flucht anzutreten. Medienberichten zufolge haben sich inzwischen christliche Milizen gebildet, die den IS bekämpfen. Doch, während sich manche syrischen Kirchenführer eine Zukunft ohne Präsident Baschar-al-Assad nicht vorstellen können, wissen viele Christen vor Ort, dass das Assad-Regime für den Hass zwischen den einzelnen Konfessionen eine Mitverantwortung trägt und Gewalt auch gegen Christen verübt hat.

Hohmann_150Dr. Christian Hohmann, Regionalpfarrer des Amtes für MÖWe