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Popularmusik in der Kirche

Über Geschmack kann man streiten – in der Regel ohne Ergebnis. Was die einen in den höchsten Tönen loben, ist für andere eine niveaulose Zumutung. Das gilt für Kleidung, für Raumgestaltung, für bildende Kunst und – ganz klar – auch für Musik! Gerne geht das „Nichtverstehen“ des jeweils anderen einher mit der Herabwürdigung desselben. Nun gut, vielleicht ist das ja menschlich. Aber es ist nicht besonders intelligent, denn wirklich bereichern kann uns doch nur die Vielfalt, auch und besonders, wenn sie Bereiche einschließt, die wir (bislang) nicht verstanden. – Von Hartmut Naumann

Harmonien, Grooves, Melodien und Sounds haben Generationen von Menschen geprägt. Bild: EKvW Gitarrentag 2016

Blues, Soul, Folk und Gospel… Bild: EKvW Gitarrentag 2016

Popularmusik in der Kirche? Selbstverständlich! Musik in der Kirche transportiert und reflektiert Glaubensangebote, Glaubenszeugnisse, manchmal zaghafte und manchmal kraftvolle spirituelle Erfahrungen. Wieso eigentlich sollen von dieser Aufgabe der Kirchenmusik bestimmte Stilrichtungen ausgeschlossen sein?

Popularmusik, das ist ein Sammelbegriff für die gewaltige musikalische Stilentwicklung der letzten 150 Jahre, deren wichtige Wurzeln spirituelle Erfahrungen verschleppter und versklavter Afrikaner in der „Neuen Welt“ sind. Neben den Spirituals sind es Blues, Soul, Folk und Gospel, die die Welt der Popularmusik stark prägen. Die musikalischen Anker dieser Musikformen, die Harmonien, Grooves, Melodien und Sounds haben Generationen von Menschen geprägt. Von fröhlich, leicht und heiter bis hin zu tieftraurig, fragend, tröstend und erhaben geht das Spektrum dessen, was diese Musik den Menschen, die sich ihr öffnen, geben kann. Und diese Menschen sind überall! Sie sitzen zu einem großen Teil auch in unseren Kirchenbänken und zwar in allen Generationen. Wer in seiner Jugend vom Rock’n’Roll eines Elvis Presley begeistert war, ist heute 60 Jahre älter, also ca. 75 Jahre alt. Wer von den Tönen der Beatles als 15-Jähriger berührt wurde, dürfte mittlerweile im Rentenalter sein. Das Gleiche gilt für diejenigen, die als Jugendliche „Oh happy Day“ hörten und mitsangen, den ersten weltweit erfolgreichen Gospelsong von 1969. – In allen Generationen sind Menschen mit Popularmusik berührbar. Wir sollten diese Musik richtig gut machen. Dann gehört sie zwingend in die Kirchenmusik und in unsere Kirche.

Letztlich ist es natürlich doch Geschmacksache. Wie mit der Kleidung und der bildenden Kunst. Nicht jedem ist Popularmusik wichtig – aber ganz ganz vielen!

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Kirchenmusikdirektor Hartmut Naumann ist Professor für Popularmusik und Prorektor an der Hochschule für Kirchenmusik Herford

 

 

Glaubensgut als Unterpfand

…oder: Warum die klassische Kirchenmusik Priorität haben muss

Seit mehr als 40 Jahren mache ich als Musiker mit Menschen in der Kirche Musik. Traditionelle Kirchenmusik. Ich liebe diese Musik, weil sie Worte in eine Form bringt, die sie für sich allein nicht haben. Vor allem die alten Choräle kommen mir manchmal vor wie ein Bauwerk, das ein genialer Architekt mit perfekten Proportionen zu einem Kunstwerk gemacht hat, das über sich hinausweist – auf den Himmel, auf Gott. –Von Martin Rieker

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…wenn Glaubenslieder zur Heimat werden. Foto: EKvW

Um diese Schönheit zu erkennen, ist es nicht nötig, dass wir Text und Melodien schon beim ersten Hören in Gänze verstehen oder sie uns merken können. Es muss  eben nicht immer alles einfach und eingängig sein. Ich sehe das in meinen Kinderchören: Die Kinder sind sehr empfänglich für alte Melodien und für alte Sprache, die für unsere Hörgewohnheiten sicher zunächst sperrig klingen, und sie nehmen die Texte erstmal einfach hin (z. B. „nun komm, der Heiden Heiland“). Sie müssen nicht alles mit dem Kopf verstehen, um Freude am Singen zu haben. Auf diese Weise werden sie vertraut mit dem Traditionsschatz unserer Kirche.

Im Laufe des Lebens entdecken Erwachsene dann, was die alten Kirchenlieder alles zu sagen haben. „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ oder „O Haupt, voll Blut und Wunden“ – das sind Lieder, die auf den ersten Blick altmodisch, vielleicht sogar überholt klingen, aber wer sie in einer Lebenskrise oder am Bett eines Sterbenden singen kann, bekommt einen ganz anderen Blick für ihre Bedeutung. Und andersherum gilt: Wenn uns in diesen Situationen Worte fehlen, kommen die Lieder zu uns und werden zu Gebeten.

Wie sehr diese Glaubenslieder zur Heimat werden, sehe ich im Altenheim, wenn ich mit dementen Menschen singe. Sie kennen alles noch auswendig, und ich habe das Gefühl, dass es sie glücklich und ruhig macht, die vertrauten Strophen zu singen. Sie finden darin Heimat.

Darum glaube ich, dass wir gerade mit der alten Kirchenmusik einen Schatz haben, in dem sich Glaubensäußerungen finden, die sich bewährt haben. Diesen Schatz müssen wir wohl hüten und die Liebe dafür immer neu entfachen. Ihn zu vernachlässigen und zugunsten neuer, „einfacher“ (billigerer?) Formen aufzugeben, wäre eine Katastrophe, die wir nie wieder gutmachen könnten.

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Kirchenmusikdirektor Martin Rieker ist Kantor in Halle/Westfalen und Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik in Herford