Schlagwort-Archive: syrien

„Sie liegen falsch, Schwerte schafft das“

In einer Ausgabe der ZEIT ging es um Städte, die viele Flüchtlinge und viele Schulden haben, unter anderem um Schwerte. Die Überschrift über dem Artikel hieß: Schwerte schafft es nicht. Ich komme aus Schwerte. Die Überschrift ist falsch. – Von Martin Krehl

schwerte_ pixabay600

…auch in Schwerte. Bild: Public Domain/pixabay

Das es in Schwerte wenig bezahlbaren Wohnraum gibt und dass er mit steigenden Flüchtlingszahlen knapper wird, das stimmt. Aber Sozialwohnungen wurden schon abgeschafft, bevor Assad die erste Fassbombe auf Aleppo werfen ließ. Die Not ist nicht durch Flüchtlinge entstanden, sie ist nur sichtbarer geworden.

Meine Stadt hat jahrelang hart sparen müssen, auch das ist richtig. Wenn jetzt Flüchtlinge kommen, werden wir Normalbürger – abgesehen von den beschlagnahmten Turnhallen – kaum etwas vermissen an unserer kommunalen Daseinsfürsorge, die ist nämlich lange schon auf ein Mindestmaß reduziert. Wir sind es gewohnt, uns selbst zu kümmern, das Engagement der Schwerter Bürger hat Jahrhunderte Tradition. Es gibt genug Helfer, die sich um die Unterbringungen und Versorgung der Flüchtlinge kümmern. Das sind nicht nur optimistische, naive Menschen. Da sind eine Menge Leute dabei, die denken: Hoffentlich geht das gut.

Aber nur weil das Geld knapp ist, kann doch nicht gleich der Schluss gezogen werden, dass die Stadt diese Aufgabe nicht stemmen kann. Im schlimmsten Fall schickt uns das Land einen Zwangsverwalter. Der wird sehen, was offensichtlich ist: dass wir kein Geld ausgeben für Dinge, die verzichtbar wären. Wir können ja nicht in den Turnhallen, in denen Flüchtlinge wohnen, die Heizung abdrehen oder die Matratzen wegstreichen. Der Bürgermeister darf in meinem Namen so viele Schulden machen wie nötig. Es ist gut investiertes Geld, es hilft Menschen in Not.

Vielleicht wird durch die Flüchtlinge der eine oder andere Bauantrag etwas später bewilligt, vielleicht werden ein paar Knöllchen weniger geschrieben, weil die Beamten so beschäftigt sind. Mehr nicht. Schwerte schafft das.

krehl_200Martin Krehl war Lokalredakteur bei der Westfälischen Rundschau, betreut als Mitarbeiter der Kirche Flüchtlinge, Beauftragter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und für die Koordination der sechs Begegnungscafés der katholischen und der drei evangelischen Kirchengemeinden in Schwerte

 

(Erstveröffentlichung als Leserbrief in DIE ZEIT Nr. 9/18.02.2016 – Zwischenruf)

Wie geht es den Christen in Syrien?

Die Christen  in Syrien leben in einer ständigen Bedrohung. Es sind nicht nur die Anhänger des Islamischen Staates (IS), die Christen vertreiben, verschleppen und auf grausame Weise töten. – Von Dr. Christian Hohmann

syrische-Christen_800

Auch andere islamistische Gruppen, wie z. B. die Al-Nusra-Front, terrorisieren die Christen: Mädchen und Frauen werden Opfer von Entführungen und sexueller Gewalt. Christliche Dörfer und Wohnviertel werden angegriffen, Kirchen und Klöster zerstört, allerdings auch durch die Truppen von Assad.

Dabei geht das Christentum in Syrien in frühchristliche Zeit zurück. In der Apostelgeschichte 13, 1-3 wird von der Gemeinde in Antiochien in Syrien berichtet. Leider haben nur wenige Christen in Westeuropa eine Vorstellung von der konfessionellen Vielfalt und dem Leben der Christen in Syrien.

Nach Angaben der Organisation „Kirche in Not“ lebten vor Ausbruch des Krieges noch 2,5 Millionen Christen in Syrien. Seither haben rund 700.000 Christen das Land verlassen. Viele der z. B. syrisch-orthodoxen Christen (Aramäer) aus dem Irak und aus Syrien sind in die Türkei geflohen. Dort werden sie z. B. im Umfeld der Klöster von aramäischen Christen versorgt. Doch auch hier werden Christen beruflich benachteiligt und als Minderheit diskriminiert. Daneben gibt es maronitische, chaldäische, römisch-katholische, melkitische, armenische und evangelische Christen, die aus ihrer syrischen Heimat fliehen, um ihr Leben zu retten. Denn der Krieg ist grausam und die Versorgungslage katastrophal.

Aber statt den Christen und anderen verfolgten Minderheiten zu helfen, schotten sich immer mehr europäische Länder generell gegen Flüchtlinge ab.

Diejenigen, die im Kriegsgebiet zurückbleiben, sind zumeist kranke und alte Menschen, einige Familien oder solche, denen die Mittel fehlen, um Schlepper zu bezahlen und die gefährliche Flucht anzutreten. Medienberichten zufolge haben sich inzwischen christliche Milizen gebildet, die den IS bekämpfen. Doch, während sich manche syrischen Kirchenführer eine Zukunft ohne Präsident Baschar-al-Assad nicht vorstellen können, wissen viele Christen vor Ort, dass das Assad-Regime für den Hass zwischen den einzelnen Konfessionen eine Mitverantwortung trägt und Gewalt auch gegen Christen verübt hat.

Hohmann_150Dr. Christian Hohmann, Regionalpfarrer des Amtes für MÖWe